August 2014


"Diezer Vertrag" vom 27. Juli 1564

Zum 450sten Jahrestag des "Diezer Vertrags" kann das Museum eine originale Ausfertigung dieses historischen, für die regionale Geschichte sehr bedeutsamen Dokuments präsentieren. Es wurde freundlicherweise für mehr als einen Monat vom Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden zur Verfügung gestellt und kehrt damit befristet an den Ort seines Abschlusses zurück.
Das Dokument ist eine von mindestens zwei zeitgenössischen Ausführungen. Es besteht aus vier zusammengehefteten Pergamentbögen (dem "Libell"), die sich in Titelblatt, dreizehn in deutscher Sprache beschriebene und zwei leere Seiten gliedern. An der blau-rot-weiß geflochtenen Heftkordel befinden sich vier große Siegel der Vertragsbeteiligten.

Mit dem Diezer Vertrag vereinbarten die Grafschaft Nassau-Dillenburg und das Erzstift Trier die Aufteilung der bisher gemeinsam regierten Nassauischen Gebiete unter jeweils nur eine Herrschaft: Nassau oder Trier. Damit wurde eine schon im 14. Jahrhundert begonnene, komplizierte und konfliktträchtige Herrschaftsform beendet und eine geordnete Konfessionalisierung ermöglicht. Alle an Nassau-Dillenburg gefallenen Territorien wurden nach dem Vertragsabschluss der Reformation zugeführt, wogegen die Trierischen Gebiete katholisch blieben.
Die geographische Konfessionsaufteilung infolge des Diezer Vertrags hat sich nur wenig verändert bis in die heutige Zeit erhalten. Damit prägt eine 450 Jahre alte Vereinbarung bis heute das religiöse Bekenntnis und - in Abhängigkeit davon - zum Teil auch die politischen Mehrheiten der einzelnen Ortschaften unserer Region.



März 2010


«Brioche Dynastique», Rest einer Gebäckration für die Belagerten von Paris im deutsch-französischen Krieg 1870/71

Gegen Ende des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 wurde Paris von preußischen und sächsischen Truppen belagert, um eine endgültige militärische Entscheidung herbeizuführen. Die Belagerung dauerte vom 19. September 1870 bis zum 28. Januar 1871. Mit der anschließenden Eroberung der Hauptstadt entschied sich der Krieg endgültig zugunsten der von Preußen angeführten deutschen Fürstentümer, worauf diese sich zum Deutschen Kaiserreich zusammenschlossen.

Schon bald nach Beginn der Belagerung wurden die Nahrungsvorräte knapp. Eine Hungersnot konnte nur durch die Anwendung äußerster Mittel wie das Schlachten der Elefanten und anderer Tiere aus dem Zoo des «Jardin d'acclimatation» zur Fleischversorgung und durch allgemeine Rationierung abgewendet werden. Zur Rationierung gehörte die Zuteilung von 300 Gramm eines brotartigen Brioche-Gebäcks pro Person und Tag. Nach Kriegsende wurden Reste solcher Rationen hinter Glas auf ovalen Plättchen mit Aufhänger befestigt und mit einer erläuternden Beschriftung versehen: «BRIOCHE DYNASTIQUE, 300 GRAMMES PAR JOUR, FRIANDISE DU SIÈGE DE PARIS, AUTHENTICITÉ garantie LE 8 MARS, SEDAN» ("Dynastisches Gebäck, 300 Gramm pro Tag, Naschwerk der Belagerung von Paris, Echtheit garantiert am 8. März, Sedan")

Solche Schaugläser, von denen die Sammlung der Stadt Diez eines besitzt, waren keine von Deutschen hergestellten militärischen Trophäen. Als Parodie auf die Zurschaustellung von Reliquien waren sie ein sarkastischer Kommentar der unterlegenen Franzosen auf die Situation, in die Kaiser Napolen III. sie gebracht hatte. Dieser war zwar bereits vor der Belagerung der Hauptstadt in Sedan von den Deutschen gefangen genommen und abgesetzt worden, doch hatte er durch seine ungeschickte Diplomatie im Vorfeld des Krieges und dann durch seine erfolglose militärische Führung die Hauptverantwortung für die gesamte verhängnisvolle Entwicklung. Diese Verantwortung wird hier polemisch aufs Korn genommen.

Der Weg dieses Stücks «BRIOCHE DYNASTIQUE» nach Diez ist unbekannt. Da aber Soldaten aus Diez und Umgebung an den Feldzügen des deutsch-französischen Krieges teilnahmen, ist der Erwerb über einen Veteranen nicht unwahrscheinlich.


April 2010


Reklameschallplatten für Diezer und Hadamarer Geschäfte, Mitte 1960er Jahre

Um die Mitte der 1960er Jahre wurden in den Diezer Kinos "Markt-Lichtspiele", "Victoria" und im Kinosaal bei "Schmidt's Eck" Toneinspielungen mit Reklameaufnahmen für Diezer und Hadamarer Geschäfte abgespielt, bevor die Filme begannen. Gleichzeitig projizierte man Diapositive mit Reklamebildern der jeweiligen Geschäfte auf die Leinwand. Tonträger der Werbeaufnahmen waren aus PVC bestehende "Decelith"-Schallplatten, dicke Folien, die als industriell hergestellte Rohlinge mit glatter Oberfläche für die Selbstaufnahme gekauft werden konnten. Mit einer passenden Aufnahmevorrichtung, die einen Schneidkopf mit automatischem Vorschub haben musste, ließen sich die Folien in Seitenschrift bespielen und konnten von elektrischen Plattenspielern mit 78 U/min wiedergegeben werden. Vor dem Krieg dienten die Decelithfolien überwiegend der Vorbereitung und Archivierung von Rundfunkaufnahmen, während sie seit den 1950er Jahren zunehmend von kleinen Firmen und von Privatpersonen genutzt wurden.

Die vorliegenden Tonträger wurden von dem Diezer Radiotechniker Karl-Heinz Gasteier aufgenommen, der auch Sprecher ist. Er verwendete dazu ein wahrscheinlich selbst gebautes Aufnahmegerät. Neben seiner Stimme sind auch eine Frauenstimme und eine Kinderstimme zu hören. Die drei Schallplatten enthalten Werbeeinspielungen für die Diezer Geschäfte Hautzel, Loseries, May, Meckel, Rieder, Schroers, Schröder, Wesermünder Fischhalle und für einige Hadamarer Geschäfte. Ganz im Stil der 1960er Jahre wird in Form einfacher Dialoge und Reime vor allem mit Qualität, Kompetenz, Kundenfreundlichkeit und günstigen Preisen geworben. Verbindendes Element zwischen den Reklameaufnahmen ist Musik von der Kinoorgel und Jazz. Die Werbung wird mit Gongschlägen ein- und ausgeläutet.


Mai 2010


Laterna magica mit Petroleumbeleuchtung, um 1900

Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde auf Grundlage der bis dahin bekannten optischen Gesetzmäßigkeiten die "Laterna magica" entwickelt, ein einfaches Gerät, das mit Hilfe einer künstlichen Lichtquelle gemalte, transparente Bilder auf eine helle Fläche, auf Dampf oder Rauch projizieren konnte. Die Laterna magica ist damit das älteste Projektionsgerät und Vorläufer aller Dia- und Filmprojektoren. Allen Varianten ist ein gleichartiger, meist geschlossener Grundaufbau gemein: In einen Kasten wurde eine Lichtquelle eingebaut, deren Licht durch eine oder mehrere Kondensorlinsen gebündelt, dann durch das zu projizierende Bild und durch weitere Projektionslinsen aus dem Gehäuse geleitet wird. Es können auch bewegliche Linsen vorhanden sein, mit denen sich die Projektion scharf stellen lässt ohne dazu das Gerät verschieben zu müssen.

Während die Laterna magica in ihrer Frühzeit vor allem als Jahrmarktsattraktion diente oder Gegenstand wissenschaftlicher Demonstrationen war, entwickelte sie sich im 19. Jahrhundert allmählich zum häuslichen Unterhaltungsgerät für bürgerliche Familien. Das ausgestellte Exemplar, Bestandteil der Diezer Sammlung, ist auf die Zeit um 1900 zu datieren. Es besteht aus Stahlblech, hat einen Brenner mit drei Dochten für den Betrieb mit Petroleum und einen hohen Abzugskamin zum Erzielen des nötigen Luftzugs. Trotz der drei Dochte ist die Lichtentfaltung nur schwach, die Rauch- und Hitzeentwicklung hingegen so enorm, dass an lange Vorführungen in geschlossenen Räumen nicht gedacht werden kann. Spätere Exemplare der Laterna magica verwendeten zum Teil schon elektrische Lichtquellen wie Bogen-, Gas- oder Glühlampen, mit denen sich eine weitaus bessere Lichtausbeute erzielen ließ.
Den noch in großer Zahl erhaltenen verschiebbaren Glasbildern, die zu dem Gerät gehören, ist zu entnehmen, dass dieses Exemplar vorwiegend der Unterhaltung von Kindern diente. Die Bilder sind überwiegend Illustrationen von Tier-, Fabel- und Kinderszenen oder kleinen Missgeschicken des Alltags.


Juni 2010


Zwei Kinderbildnisse der Geschwister Priester, Langenscheid, 1826 und 1831

In der städtischen Sammlung Diez werden zwei kleine Porträtbildnisse der Geschwister Christian Ludwig und Maria Luise Priester aus Langenscheid aufbewahrt.

Die zur Entstehungszeit der Porträts jeweils vierjährigen Kinder sind als Oberkörperbildnisse fast bildfüllend von vorn wiedergegeben, so dass auf dem rund-, bzw. hochovalen Bildfeld nur wenig Fläche für einen einfarbig graublauen, raumlosen Bildgrund bleibt. Dadurch konzentriert sich der Ausdruck auf die mit enormer Akribie und Meisterschaft in feinster Gouachemalerei wiedergegebenen Gesichter und die bürgerliche Kinderkleidung mit der weißen Halskrause. Unter jedes der Bildmedaillons wurde auf die unterlegte Pappe der Name des Kindes "Ludwig Priester" bzw. "Maria Luise Priester" mit den Jahreszahlen 1826 und 1831 in schwarzer Tinte geschrieben. Die originale Rahmung ist ganz im Stil der Zeit gehalten und raffiniert aufgebaut: Ein innerer Ring aus ziseliertem Messing umschließt den Rand der Pappe jedes Medaillons in exakter Wiederholung der Bildform. Zugleich hält er das Bild und das schützende Glas fest und verbindet beides mit dem äußeren, dicken Holzrahmen. Dieser ist zum Zentrum hin mit einer tiefen Kehlung in Medaillonform ausgeschnitten und ansonsten flächig und eckig.

Die beiden Bilder vertreten in der Kombination von meisterlicher Ausführung und gediegener, schlichter Erscheinung idealtypisch das bürgerliche Selbstverständnis ihrer Entstehungszeit. Als Zentrum, Schwer- und Ankerpunkt des Lebens betrachtete man in der Biedermeierzeit die eigene Familie, für deren wirtschaftliches Auskommen man gewissenhaft sorgte, ohne den erreichten Status allzu auffällig zu repräsentieren. Im Falle der vorliegenden Porträts spielte sich alles im Kreise der Familie ab: Die Porträtierten waren die jüngsten Geschwister des in Langenscheid geborenen taubstummen Malers Philipp Ludwig Priester. Dieser wurde, wie sein ebenfalls taubstummer Bruder Johann Christian, auf Kosten der fürstlich Schaumburgischen Familie auf der k. u. k. Taubstummenanstalt in Wien erzogen. Er muss dann bald eine künstlerische Ausbildung absolviert haben, denn die beiden Bildnisse seiner Geschwister malte er im Alter von 23 bzw. 28 Jahren. Neben diesen beiden Porträts sind in unserer Region nur noch wenige Werke Philipp Ludwig Priesters erhalten.


August 2010


Merowingischer Kreuzanhänger aus dem 6. bis 7. Jahrhundert

Bei Schachtarbeiten im Diezer Stadtgebiet wurde 1959 in einer Brandschicht ein unscheinbares Kreuz aus Bronze gefunden. Durch Hitzeeinwirkung sind die Arme des Kreuzes leicht verbogen. Wie aus einer Öse am oberen Ende zu sehen ist, wurde es wohl als Anhänger an einem Halsband oder einer Halskette getragen. Reste einer ehemals vollständigen Vergoldung lassen den Schluss zu, dass der Kreuzanhänger zu seiner Zeit ein wertvolles Schmuckstück war.

Seine Gestaltung wirkt aus heutiger Sicht etwas seltsam für ein christliches Kreuz: Die etwa gleichlangen, im Querschnitt halbrunden  Arme sind mit eingeschnittenen Querrillen verziert und enden in grotesken Tierkopfmotiven. Es handelt sich um vier jeweils gleiche, flache Tierköpfe mit großen Augen, Augenbrauen, flacher Nase mit großen Nüstern und einem froschartigen Maul. Hinter den Augen sind Haare in Form von Längsrillen angedeutet. Eine solche "zoomorphe" Dekoration ist für die Zeit der Entstehung des Kreuzes nicht ungewöhnlich. An vielen anderen Schmuckstücken des 6. bis 7. Jahrhunderts findet man eine ähnliche dekorative Gestaltung, so dass sich auch dieses Exemplar grob jener Zeit zuordnen lässt. Damals spielte sich die Christianisierung der fränkischen Stämme ab, eine Phase, in der heidnische Vorstellungen und Bräuche allmählich vom Christentum verdrängt oder in christliche Ausdrucksformen integriert wurden. Auch künstlerische Dekorationsmotive heidnischen Ursprungs wie die Tierköpfe wurden auf diesem Weg unverändert in christliche Darstellungen übernommen.

Der Diezer Kreuzanhänger ist das in weitem Umkreis früheste erhaltene christliche Kreuz. Er ist als Dauerleihgabe aus Diez im Limburger Diözesanmuseum ausgestellt.


September 2010


Zinnkanne mit Adlerrelief, Oranienstein 1898

Bei der Versteigerung über ein bekanntes Online-Auktionshaus konnte kürzlich für die städtische Sammlung eine etwa 34 cm hohe Schnabelkanne aus Zinn erworben werden.
Sie hat ein in dieser Form "Stitze" genanntes, schlankes Hochformat mit verbreitertem Sockel, geschwungenem Bandhenkel und Klappdeckel mit Scharnier und wurde von der renommierten Zinngießerei Kayserzinn in Oppum bei Krefeld hergestellt. Als prägendes Ziermotiv trägt sie das Relief eines großen Adlers mit einem - hier leeren - Brustschild nach Vorbild des preußischen Wappentiers. Die ausgebreiteten Flügel des Adlers reichen weit nach hinten zurück, während der Kopf, zweigeteilt zwischen Korpus und Deckel, den Ausguss bildet.

Die aus Diezer Sicht entscheidende Besonderheit dieser Stitze, die als Guss in großer Serie produziert wurde (Modellnummer 4015 P), liegt in den eingravierten Inschriften unterhalb des Adlermotivs. Dort ist zu lesen: "1892 Oranienstein 1898", darunter, umlaufend auf dem Sockelprofil, die Namen von insgesamt zwanzig Militärs mittlerer und höherer Ränge. Der Beschriftung nach handelt es sich also um ein Erinnerungsstück, wahrscheinlich eine Ehrengabe für einen aus dem Oraniensteiner Dienst ausscheidenden Militär, die ihm für sein zukünftiges Leben an einem anderen Dienststandort oder als Pensionär mitgegeben wurde.

Die Kanne ist damit eines von zahlreichen Beispielen für den vom preußischen und später reichsdeutschen Militär gepflegten, facettenreichen Erinnerungs- und Reservistenkult. Dieser hatte die Aufgabe, mit einer Fülle von kleinen, oft reich dekorierten Erinnerungsobjekten, Trophäen und Gruppenbildern die Armee auch in der Zivilgesellschaft immer wieder in Erinnerung zu rufen und ihr Ansehen hochzuhalten.


Oktober 2010


Gästebuch der Familie Pfeiffer / Fuchs, 1906-1944

Das in rotes Leder eingebundene, mit Goldschnittkante versehene Gästebuch der Diezer Familie Pfeiffer, später Fuchs - bis heute im Familienbesitz - verzeichnet die Besuche im Wohnhaus in der Wilhelmstraße vom September 1906 bis zum Mai 1944. Die zahlreichen Einträge der Gäste entstanden zumeist bei der Gelegenheit geselliger und bisweilen feucht-fröhlicher Festlichkeiten, Tee- und Abendgesellschaften und anderen privaten Zusammenkünften im gediegenen, feierlichen Rahmen. Unter den Gästen befanden sich durchweg Angehörige der bekannten Diezer Bürgerfamilien, aber immer wieder auch Auswärtige: Schauspielerinnen, Maler, Militärs, Journalisten, Kunsthändler und Schriftsteller, darunter auch Besucher aus dem Ausland.

Was im Buch hinterlassen wurde, ist ziemlich vielseitig. Im einfachsten Falle waren es bloße Autogramme. Doch finden sich auch umfangreiche Danksagungen, Trinksprüche und Lieder, meist als Lobreden oder Lobgesänge auf Kochkunst und Gastfreundschaft des Hauses. Weitere Einträge enthalten anlassbezogene Literaturzitate und tagespolitische Anspielungen. Eine Besonderheit unter den vielen Möglichkeiten, sich im Gästebuch zu verewigen, bildet eine kleine Zahl von Karikaturen. Sie stammen überwiegend von einem durch Robert Heck eingeführten Gast, dem Triester Maler Adolfo Levier. Levier, den Heck im Jahr 1906 in Rom kennengelernt hatte, kam in den folgenden Jahren mehrfach zu Besuch nach Diez und malte dort auch Portraits aus dem Kreis der Gäste des Hauses Pfeiffer. Ganz in der Rolle des Künstlers nutzte er die Aufforderung zur Unterschrift, um mit knappen, aber treffenden Strichen oder Pinselzügen einige der Anwesenden zu karikieren. Leviers Karikaturen tragen sehr zur Bereicherung des Gästebuchs bei, denn sie vermitteln einen deutlichen visuellen Eindruck davon, wie man sich die Teilnehmer dieser privaten großbürgerlichen Zusammenkünfte in Kleidung und Habitus vorzustellen hat.


Februar 2011


"Brewster"-Stereoskop, um 1860, mit Fotoserie und der ältesten Aufnahme von Diez

Auf der Grundlage von Ideen des englischen Physikers Charles Wheatstone, der sich mit den Gesetzmäßigkeiten des stereoskopischen Sehens befasste, konstruierte der Schotte David Brewster in den 1840er Jahren einen stereoskopischen Bildbetrachter. Mit diesem "Brewster-Stereoskop" kann man Doppelbilder anschauen, die angefertigt wurden, indem eine Kamera ein Objekt gleichzeitig oder kurz hintereinander aus zwei in Augenabstand voneinander entfernten Standpunkten fotografierte. Die fertigen Fotografien wurden dann im gleichen Abstand nebeneinander montiert. Erst später entwickelte man spezielle Stereokameras, mit denen beide Bilder gleichzeitig aufgenommen werden konnten. Wie auch immer die Herstellungsweise der Stereobilder war: Beim richtigen Betrachten durch die beiden Okulare eines Stereoskops verschmelzen die Einzelbilder zu einem plastischen Bildeindruck.
 
Brewster-Stereoskope als älteste Form des stereoskopischen Betrachters kamen ab etwa 1850 in den Handel. Ihre Konstruktionsform als geschlossener hölzerner Kasten mit Spiegel und Mattscheibe ermöglicht das Betrachten sowohl von transparenten als auch von nicht-transparenten Stereobildern. Bei transparenten Bildern fällt das Licht von hinten durch eine Mattglasscheibe und durch die üblicherweise kolorierten Bilder, deren Farben dadurch kräftig leuchten. Undurchsichtige Bilder können durch das reflektierte Licht einer verstellbaren Spiegelklappe von oben beleuchtet werden.

Die städtische Sammlung besitzt außer dem Brewster-Stereoskop und einigen jüngeren Stereoskop-Modellen noch eine kleine Sammlung von stereoskopischen Bildern, teils transparent, teils undurchsichtig. Dazu gehört auch eine Ansicht der Stadt Diez mit dem Grafenschloss vom Marktplatz aus gesehen, aufgenommen von dem Engländer William England im Jahre 1867. Dieses Stereobild auf Albuminpapier ist heute eine der ältesten Fotografien eines Diezer Motivs im städtischen Eigentum. Zu Englands stereoskopischer Fotoserie "Der Rhein und seine Umgebung" gehören insgesamt vier Diezer Ansichten. Weitere Motive von der Lahn sind Bad Ems (3 Bilder), Limburg (6 Bilder), Runkel (2 Bilder) und Weilburg (ein Bild).




März 2011


Gesteinsproben vom Mount Diez, Antarktis
Mount Diez und Lahn-Gletscher


Beispiel für Namenvergabe für unbenannte geographische Objekte in der Antarktis

Es gibt nur noch wenige weiße Flecken auf dem Globus. Die meisten davon dürften in der Antarktis liegen, wo noch nicht jeder Gipfel bestiegen ist - und nicht jedes "geographische Objekt" einen Namen hat. Zwar sind nicht mal 2 % Antarktikas schnee- und eisfrei, aber längs der Küsten und vor allem auf der Antarktischen Halbinsel durchstoßen doch zahlreiche Bergrücken und Nunatakker den Eispanzer, der bis zu fast 5000 m Dicke erreichen kann.
Durch die deutschen Arbeiten im  Victoria Land haben vor allem in den 1980er Jahren viele Berge und Gletscher erst einen Namen erhalten. Die Namenvergabe folgt festen Regeln. Namensvorschläge sind nach Prüfung durch den "Ständigen Ausschuss für Geographische Namen" am Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, Frankfurt, und Zustimmung durch den Landesausschuss SCAR (Committee on Antarctic Research) offiziell und international gültig. Die Namenswahl steht den vor Ort tätigen Wissenschaftlern frei. Häufig erinnert man durch den Namen an seine Heimat. Südgeorgien oder die Südshetland-Inseln sind Belege dafür, oder das von der deutschen Ritscher-Expedition benannte Neuschwabenland.

Dr. Norbert W. Roland benannte einen Berg in Victoria Land nach seiner Heimatstadt Diez. Der Mt. Diez liegt am Lahn-Gletscher. Bei geologischen Arbeiten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Hannover, während der Deutschen Nord-Victoria-Land Expeditionen GANOVEX wurde der bis dahin namenlose Berg aufgesucht um Gesteinsproben zu nehmen. Die beiden ausgestellten Proben stammen aus der Gipfelregion des Mt. Diez. Es sind vulkanische Gesteine, die ein Alter von ca. 180 Millionen Jahren haben. Eine Probe repräsentiert einen ehemals blasigen Basalt, dessen Blasenhohlräume sekundär durch verschiedene Mineralien ausgefüllt sind, u.a. werden Achate und Jaspis gefunden. Es handelt sich um ein Gestein, das in ähnlicher Ausbildung auch die Achat-Vorkommen von Idar-Oberstein führte. Die zweite Probe, eine vulkanische Brekzie, entstammt einem vulkanischen Schlammstrom (Lahar) und weist grobe basaltische Brocken und feine Aschenkomponenten auf.

Neben den Gesteinsproben erläutern einige Fotos die Lage des Mt. Diez und des Lahn-Gletschers. Ein Kartenausschnitt zeigt, dass die neuen Namen bereits in der Geologischen Karte des nördlichen Victoria Lands übernommen wurden. Die Vulkanite vom Mt. Diez werden außerdem in einem Buch über die Forschungsarbeiten in der Antarktis beschrieben.

Norbert W. Roland


April 2011


Bombensplitter von einem britischen Luftangriff auf Freiendiez am 23. Dezember 1944 mit Karte der Freiendiezer Bombeneinschläge

Am Abend des 23. Dezember 1944 flogen britische Verbände einen Bombenangriff, dessen Ziel wahrscheinlich die Limburger Bahnanlagen sein sollten. Die Flugzeuge überflogen die Region Limburg/Diez  im Dunkeln aus Richtung Westen, drehten um und kamen zurück. Durch Ostwind abgetrieben, traf ihre Bombenlast jedoch nicht die Bahnanlagen, sondern landwirtschaftliche Flächen und Wohngebiete in Freiendiez und Limburg. Eine der Bomben detonierte unweit der Limburger Straße und  schleuderte einen ungewöhnlich großen Splitter ins Dach des Anwesens Strauß, Limburger Str. 70. Der Splitter fiel dann herunter in den Hof, wo er am nächsten Tag gefunden wurde.

Eine Gruppe von Freiendiezer Zeitzeugen bemühte sich in den letzten Jahren, den Ablauf und die Einschläge aller Bombenangriffe auf Diez und Freiendiez  genau zu dokumentieren. Als Ergebnis kann die Gruppe heute eine Karte der Gemarkung Diez /Freiendiez vorweisen, auf der mit Nadeln und Fähnchen die genaue Lage jedes einzelnen Bombentreffers markiert ist. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass auf diesem Gebiet insgesamt rund 150 Bomben einschlugen, wobei - weil hauptsächlich Felder und Wiesen getroffen wurden - die Zahl der zivilen Toten mit drei Freiendiezer Männern relativ niedrig blieb. Auch die Sachschäden hielten sich im Rahmen. Weit mehr Todesopfer aber forderte der Angriff im Freiendiezer Kriegsgefangenenlager, Stammlager XIIA, wo etwa 80 alliierte Kriegsgefangene und ein deutscher Wachsoldat ums Leben kamen. Wären die Bomben des Dezemberangriffs nur ein wenig später ausgeklinkt worden, so hätte Freiendiez und Diez weit größere Zerstörungen mit vielen Toten und Verletzten erleben müssen.




Mai 2011


Maibowletopf mit Jugendstil-Dekor, 1898

Über eine Onlineauktion wurde vor kurzem ein reich verzierter Bowletopf für die städtische Sammlung gekauft. Die in den Deckel gravierte Inschrift "Die Stadt Diez Ihrem Bürgermeister 1873. 1. Mai 1898." stellt einen regionalen und persönlichen Bezug her, obwohl es sich bei dem Gefäß selbst um einen industriell gefertigten Massenartikel handelt. Es wurde aus insgesamt 11 gegossenen Zinkteilen zusammengelötet, poliert und versilbert. Durch die präzise Überarbeitung des Gusses erscheint der Bowletopf wie ein aufwändig gearbeitetes Ergebnis hochwertiger Silberschmiedekunst. In Wahrheit aber ist er weder ein Einzelstück noch besteht er aus edlem Material. Das unedle Zink lässt keine Verwendung zu Lebensmittelzwecken zu, es würde den Geschmack jeder Bowle verderben. Wohl zur Vermeidung einer praktischen Verwendung wurde in die tiefste Stelle des Bodens ein kleines Loch gestanzt.

Das Gefäß ist also ein reines Dekorationsstück. Entsprechender Wert wurde bei seiner Gestaltung auf ein gefälliges Äußeres gelegt, vor allem durch Überspielen der urnenähnlichen Form mit einer Vielzahl von Pflanzenornamenten in den bewegten Formen des Jugendstils. Auswüchse in Blätterform bilden die vier Füße und die beiden Henkel, eine Blütenknospe den Griff des Deckels. An den Seiten sind zwischen Blüten, Laub und Weinreben die Reliefs von zwei Kindergesichtern ausgearbeitet: ein lachender Mädchenkopf im Strahlenkranz auf einer Seite, gegenüber ein ernster Jungenkopf unter regnenden Wolken. Die Kinder- und Blumenmotive kennzeichnen das Gefäß als Topf für die in den Jahren um 1900 sehr beliebte Maibowle.

Der Bürgermeister, dem das Bowlegefäß am 1. Mai 1898 als Ehrengabe für sein 25-jähriges Engagement für die Stadt Diez übergeben wurde, war Anton Geis, der Vorgänger Ernst Scheuerns.


Juni 2011


Doppelporträt des Herzogspaars Adolph und Adelheid von Nassau als Gipsrelief, um 1890

Nach dem Krieg, den das Herzogtum Nassau 1866 als Teil des Deutschen Bundes an der Seite Österreichs gegen Preußen führte und verlor, wurde das Herzogtum von Preußen annektiert. Herzog Adolph schied daraufhin aus dem Amt, doch blieben seine Bindungen an das Nassauer Land erhalten. Er konnte vier seiner Schlösser behalten, die er mit seiner zweiten Frau Adelheid in den folgenden Jahren immer wieder besuchte, um dabei alte Kontakte zu pflegen. Die gelegentlichen Besuche in seinem ehemaligen Herzogtum setzte er auch fort, nachdem er 1890 Großherzog von Luxemburg geworden war.

Dabei verstand er es, mit kleinen Geschenken an ehemalige Bedienstete, Beamte, Militärs oder Personen des öffentlichen Lebens, die Erinnerung an seine vergangene Regentschaft lebendig zu halten. Solche Geschenke waren meist signierte Porträts Adolphs oder des Herzogspaars als Foto oder Kunstdruck, außerdem Medaillen, Urkunden, Orden und Porträts in Form von kleinen Reliefs. Ein Teil dieser Herzogs-Devotionalien wurde offenbar auch über den Kunsthandel vertrieben und fand Eingang in so manche gründerzeitliche Bürgerwohnung im Nassauer Land. Sie sind noch heute leicht zu bekommen. Ihre Verbreitung schlägt sich auch in der beträchtlichen Zahl solcher Erinnerungsstücke in der Diezer Sammlung nieder. Dazu gehört ein hinter Glas gefasstes Doppelporträt Adolphs und Adelheids als Gipsrelief, montiert auf schwarzem Samt im schwarzen Medaillonrahmen. Die Machart der Rahmung mit Blechdeckeln, Schrauben und fehlerfreiem Uhrglas deutet auf eine späte Entstehungszeit des Reliefs um 1890 hin.


Juli 2011


Glaskopf - Eisenmineral aus der Grube Hub bei Hambach

Die historische Sammlung der Stadt Diez beherbergt eine Auswahl von Mineralien aus den Erzgruben der näheren Umgebung, in denen vor allem Eisen, aber auch Mangan-, Zink-, Blei-, Silber- und weitere Metallerze und Phosphate abgebaut worden sind. Die intensivste Phase des regionalen Bergbaus spielte sich etwa zwischen dem mittleren 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg ab. Im alten Nassauischen Heimatmuseum in Diez war die Mineraliensammlung als eigenes Kabinett zu sehen, sie wird aber heute mit Rücksicht auf die Museen der näheren Umgebung, zu deren Schwerpunkten der Bergbau gehört, nicht mehr ausgestellt.

Aus dem Bestand der Sammlung wird im Juli ein Stück Glaskopf, eine besondere Form des hochwertigen Eisenerzes Hämatit (Eisenoxid, Fe2O3) gezeigt. Die namensgebenden Eigenschaften des Glaskopfes sind seine wenig kristallin wirkende knollen- oder traubenförmige Struktur und die glasige Oberfläche. Das Exemplar stammt aus der Grube "Hub" bei Hambach, die ab 1840 ausgebeutet wurde. Erstbetreiber von "Auf der Hub" war der Hambacher Anton Hirschberger. 1859 wurde die Anlage mit der Grube "Hubert" zu "Hub" konsolidiert. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte Hub mehrfach den Besitzer, um 1871 von Alfred Krupp aufgekauft zu werden. Gegen Ende des Jahrhunderts waren die Lagerstätten soweit erschöpft, dass sich ein Abbau nicht mehr lohnte. Die Grube wurde 1893 stillgelegt und trotz mehrfacher Weiterverkäufe nie wieder in Betrieb genommen.


August 2011


Die Nernstlampe - ein kurzlebiger Konkurrent der Glühlampe, 1901

Im Jahr 1900 präsentierte sich die Allgemeine Elektrictäts-Gesellschaft (AEG) auf der Weltausstellung in Paris mit einem Pavillon, der fast ausschließlich einer neu entwickelten elektrischen Lichtquelle, der "Nernstlampe", gewidmet war. Im Unterschied zur gelblich leuchtenden Kohlefadenglühlampe Edisons bestand die Glühspirale dieser neuen Lampe aus Metalloxiden. Sie benötigte kein Vakuum. Bevor sie den Strom leiten und elektrisch weiterglühen konnte, musste sie von außen angeheizt werden. Mit weit geringerer Betriebsenergie als die alte Glühlampe erzeugte sie sehr helles, fast weißes Licht. In Paris zeigten sich allerdings vor allem die Nachteile der neuen Erfindung: Da die meisten der zu Hunderten ausgestellten Nernstlampen keine elektrische Vorheizung besaßen, mussten sie einzeln mit Spiritusbrennern heiß gemacht werden. Danach waren sie kaum zu steuern, weil ihr Widerstand mit zunehmender Temperatur immer weiter sank, worauf sie schnell durchbrannten.

Um ein berechenbares Verhalten der Lampe zu erreichen, war dem Glühkörper ein Widerstand vorgeschaltet, der sich in etwa gegenläufig zum schwankenden Widerstand des Glühkörpers verhielt. Dennoch war und blieb es schwierig, die Lampe unter Kontrolle zu halten.

In der Diezer Sammlung befinden sich mehrere unvollständige Exemplare zweier Typen der  Nernstlampe, die von der A.E.G. nach dem Fehlschlag von 1900 als verbesserte Version hergestellt wurden. Möglicherweise wurden sie noch ab 1904 in Freiendiez betrieben, gespeist vom Gleichstromkraftwerk der heutigen Hatzmannschen Mühle. Sie verschwanden aber sehr bald vom Markt, nachdem es bereits 1900 die ähnlich effiziente, aber deutlich billigere und zuverlässigere Metallfadenglühlampe zu kaufen gab.


September 2011


Daguerreotypie: Portrait Fritz Sartorius und Frau Adelheid, geb. Eberhard, um 1845

Zum Nachlass der Familie Eberhard im Diezer Stadtarchiv gehört eine Daguerreotypie des Ehepaars Sartorius. Die Frau, Adelheid Sartorius (1807-1891), entstammte der Diezer Beamten- und Militärsfamilie Eberhard. Sie hatte den deutlich älteren Landesoberschultheißen Hofrat Fritz Sartorius geheiratet, über dessen Leben bislang wenig bekannt ist. Zuletzt lebte das kinderlose Paar in Hadamar. Der Mann muss schon vor 1847 gestorben sein, denn zu diesem Zeitpunkt lebte seine Frau als Witwe wieder in Diez. Die Daguerreotypie zeigt beide in biedermeierlicher Kleidung, den Mann in gravitätischer Haltung mit der damals beliebten Hand-in-Weste-Geste. Nach dem Alter der Frau zu urteilen entstand das Bild um 1845. Damals war die Daguerreotypie eine noch junge Erfindung, das erste funktionierende fotografische Verfahren überhaupt. Der französische Maler Daguerre hatte es Ende der 1830er Jahre entwickelt.

Zur Herstellung einer Aufnahme wurde eine Kupferplatte mit Silber beschichtet und poliert. Dann bedampfte man die Silberschicht mit Iod, wodurch sich das lichtempfindliche Silberiodid bildete. Die fotografische Belichtung bewirkte, dass ein Teil des Silberiodids wieder zu Silber wurde. Indem man die Platte in einem Kasten mit Quecksilber bedampfte, wurde das Silber zum Silberamalgam. Das verbleibende Silberiodid konnte daraufhin mit einer Fixierlösung ausgewaschen werden. Als Ergebnis bekam man ein spiegelndes, scharfes und detailreiches Einzelbild, das nicht kopiert werden konnte. Es lässt sich nur dann wahrnehmen, wenn man es zum Betrachten leicht schräg hält und etwas Dunkles einspigelt. Die zur Herstellung benötigten teuren und giftigen Chemikalien und die lange Bearbeitungszeit machten jede Daguerreotypie zu einem sehr teuren Luxusartikel, den sich einfache Leute nicht leisten konnten.


Oktober 2011


Karl Bender, Ansicht des Fachinger Mineralbrunnens, Albumindruck, um 1910

Die wohl um 1910 entstandene Fotografie aus einer Privatsammlung zeigt die bauliche Situation des Fachinger Mineralbrunnens nach den Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen von 1905/06. In diesen Jahren war die Quelle neu gefasst und ein neues Quellgebäude in Gestalt eines kleinen achteckigen Füllturms mit einem achteckigen Nebenhaus zur Flaschenreinigung gebaut worden. Außerdem hatte man ein großes Bahnverladegebäude errichtet. Trotz des beträchtlichen Umfangs der Veränderungen und Modernisierungen war damals darauf geachtet worden, die barocken Gebäude des alten Bestands nicht anzutasten und die neuen Bauwerke stilistisch in das bestehende Ensemble zu integrieren. Dazu gehörten auch die parkähnlichen Außenanlagen mit alten Kastanienbäumen links, einem Promenadenweg entlang der Lahn und einer kleinen Gartenanlage unterhalb des Verladegebäudes. Alleine der zeittypische Fabrikschornstein gibt sich innerhalb dieses idyllischen Rahmens als modernes Detail zu erkennen.
Der Urheber des Bildes, der Diezer Hofphotograph Carl Bender, achtete bei der Aufnahme darauf, die Gesamtheit der Brunnenanlage vollständig aufs Bild zu bekommen und musste dafür einen Standpunkt in den Hängen unterhalb von Altendiez suchen. In seiner Fotografie dokumentiert sich ein bauliches Stadium, das trotz späterer Modernisierungsphasen im Innern der Gebäude bis Mitte der 1970er Jahre erhalten blieb. Danach vollzog sich Schritt für Schritt der Abriss der meisten alten Gebäude und der Neubau großer Produktions- und Lagerhallen. Als Ergebnis präsentiert sich der Fachinger Mineralbrunnen heute auch äußerlich als modernes Unternehmen, von dessen historischem Kern nur noch die Verladehalle von 1905 übrig geblieben ist.


November 2011


Arzneimittelliste der Diezer Amtsapotheke, vor 1831

Die traditionsreiche Diezer Amtsapotheke besitzt ein hochformatiges Büchlein, in dem bis zum Jahr 1831 eine Anzahl von 313 Pflanzenteilen und andere pharmazeutische Rohstoffe in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet wurden. Sie sind dort handschriftlich als Abkürzungen der lateinischen und griechischen Fachbegriffe verzeichnet. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Bestandsverzeichnis eines großen Teils der von der Apotheke damals geführten Drogen und Hilfsstoffe.

Bei genauer Betrachtung offenbart sich die unscheinbare Liste als eine Art kurz gefasster Überblick über die gesamte Geschichte der Pharmazie. Sie enthält Arzneien wie die Osterluzeiwurzel, die in der Antike hoch angesehen war, heute aber als nutzlos und krebserregend erkannt ist. Aufgelistet sind ferner das obligatorische Opium, das als wirksames Schmerzmittel alle Zeiten überdauerte, mittelalterliche Rauschdrogen wie das Bilsenkraut oder der unter dem alchemistischen Namen Saccharum saturni gehandelte Bleizucker, der seinerzeit vermutlich zu Beethovens Tod beitrug, verschiedene Entwurmungsmittel und vieles andere. Auch Aphrodisiaka und Potenzmittel sind in der Liste enthalten, beispielsweise die hochgiftige Spanische Fliege oder das versteinerte Einhorn (Unicornu fossile), als welches man Röhrenknochenfunde und Fossilien entsprechender Form verkaufte. All diese Dinge wurden offenbar von Patienten der Region in der Vergangenheit benötigt. Die Mehrzahl der Einträge aber bezeichnet weniger spektakuläre Dinge: Hilfsstoffe wie Borax, Gummi arabicum, Leime und Öle oder Pflanzenteile mit ätherischen Ölen, mit verdauungsfördernden, entzündungshemmenden, krampf- oder schleimlösenden Inhaltsstoffen, deren Wirksamkeit nach wie vor unbestritten ist.


Januar 2012


Perkolator - Kaffeemaschine um 1900

Im Dezember stellt das Museum im Grafenschloss als Objekt des Monats eine kleine, altertümliche Kaffeemaschine aus den Jahren um 1900 aus. Sie stammt aus einem Haushalt in der Diezer Parkstraße. Das glänzend vernickelte Gerät mit dem Modellnamen "La Fontana!" hat eine kompakte Urnenform mit zwei Ebenholzgriffen, ein Zapfhähnchen und einen Deckel mit Glaskuppel. Es steht auf einem dekorativ ausgeführten Dreifuß, unter dem sich ein regelbarer Spiritusbrenner befindet, dessen Flamme direkt den stark einwärts gebogenen, dünnwandigen Gefäßboden beheizt. Im Innern des Gefäßes wird der Boden von einem Blechnapf umschlossen, der in einem langen, bis direkt unter den Deckel führenden Steigrohr endet. Das wenige zwischen Napf  und Gefäßboden festgehaltene Wasser beginnt schnell zu sieden, worauf der entstehende Dampf das heiße Wasser durch das Metallrohr nach oben drückt. Frisches Wasser kann dann in kleinen Mengen nachfließen, worauf sich der Vorgang immer weiter wiederholt. Das auf diese Art nach und nach hochtransportierte Wasser fließt durch ein Sieb mit Kaffeepulver abwärts und vermischt sich mit dem restlichen Wasser, das so allmählich zu immer stärkerem und heißerem Kaffee wird. Der Perkolator in der beschriebenen Bauweise erfreute sich vor allem in Amerika seit den 1890er Jahren großer Beliebtheit. Einige Zeit nach Anzünden des Brenners liefert er automatisch heißen und beliebig starken Kaffee, der aber durch das wiederholte Überhitzen schon während seiner Herstellung viel an Aroma verliert.

Der bescheidenen Qualität des so erzeugten Kaffees steht allerdings ein schönes Schauspiel bei der Zubereitung gegenüber: Durch den gläsernen Deckel lässt sich das hochsprudelnde heiße Wasser - "La Fontana" - dabei beobachten wie es sich mit der Zeit in Kaffee verwandelt.


Februar 2012


Reservistenpfeife mit Diezer Motiven aus der frühen preußischen Zeit, 1869

Nachdem das Herzogtum Nassau 1866 auf Seiten des Deutschen Bundes den Krieg gegen das von Preußen geführte Militärbündnis verloren hatte, wurde das Herzogtum von Preußen annektiert und militärisch besetzt. Die verschiedenen legislativen, verwaltungsmäßigen und militärischen Vorgänge der Annexion zogen sich bis zum 7. Dezember 1868 hin, als die verschiedenen ehemals hessischen und nassauischen Gebiete zur preußischen Provinz Hessen-Nassau zusammengefasst wurden. Mit diesem Akt endete die Notwendigkeit einer militärischen Sicherung des Übergangs. Die Besatzungstruppen konnten aufgelöst werden, aus den entlassenen Soldaten wurden Reservisten.

An den Diezer Besatzungsdienst eines Soldaten erinnert eine kürzlich erworbene, mit kleinen Szenen bemalte Reservistenpfeife, die er seinem Bruder 1869 als Andenken schenkte. Ähnliche Tabakspfeifen nach Art der frühen Burschenschaftspfeifen wurden seit den Befreiungskriegen als Reservistenandenken hergestellt. Sie bestehen meist aus einem bemalten Pfeifenkopf mit Metalldeckel und dem Saftsack, beides aus Porzellan gefertigt, dekorativ gedrechselten und geschnitzten Hornröhrchen und einem flexiblen Schlauch. Auf dem Kopf des Diezer Exemplars sind vorn zwei Männer, wohl der Soldat und in Zivil sein Bruder, zusammen mit Küferwerkzeugen abgebildet. Darüber steht der Spruch "Willkommen lieber Bruder". Hinten sieht man einen Soldaten, der mit einem jungen Mädchen spazieren geht, darüber geschrieben: "So lebt man in Diez". Auch wenn diese Szenerie eine Wunschvorstellung des Soldaten gewesen sein mag, so verlief doch die preußische Inbesitznahme des alten Herzogtums reibungslos und wurde von weiten Teilen der Bevölkerung begrüßt.


März 2012


Bleistiftzeichnung, Ansicht der Geilnauer Brunnenanlage

Im Jahr 1817 verfertigte der fürstlich-Anhalt-schaumburgische Hofzeichenmeister Friedrich Schulz eine kleine Serie von Bleistiftzeichnungen mit Motiven von der Lahn: Ruine Balduinstein, Lahn bei Fachingen und Brunnen zu Geilnau.

Diese drei ähnlich großen Blätter wurden 1929 vom Wiesbadener Antiquariat Jacob Levi der städtischen Sammlung Diez geschenkt. Auf einer der Zeichnungen ist die Umgebung der Geilnauer Brunnenanlage aus Sicht der gegenüberliegenden Lahnseite zu sehen. Wie alle Blätter der Serie zeigt es einen Landschaftsausschnitt am Fluss aus leicht erhöhter, entfernter Perspektive, gezeichnet in weicher, gestrichelter Manier. Man sieht in der Bildmitte als rechten Abschluss einer freien Uferwiese eine Allee, die aufwärts zu dem 1797 erbauten Jagdschloss mit benachbartem Brunnenwärterhaus, abwärts zu der von einer dicken, runden Umfassungsmauer gegen das Lahnwasser gesicherten Quellenanlage führt. Da der Betrachterblick in gerader Richtung an eine Kette von hohen Bergen stößt, wird er entlang dieser Berge nach rechts, lahnaufwärts in die Tiefe des Bildhintergrunds weiter geführt.

Der Zeichner belebte das Areal um die Brunnenanlage durch eine Treidelszene am Ufer und durch verstreut stehende Staffagefiguren mit Lastkörben auf dem Kopf. Die Figuren illustrieren in aller zeichnerischen Schlichtheit den damals ziemlich regen Brunnenbetrieb, aber mehr noch sind sie eine kleine Auflockerung der Landschaftszeichnung. Hier wird exemplarisch eine ideale Situation des Biedermeier vorgeführt: friedliche und bodenständige Menschen im Rahmen einer idyllischen Landschaft; eine Welt, die nicht künstlich ersonnen, sondern nur im richtigen Moment am richtigen Ort zu Papier gebracht werden musste.


April 2012


Backschaufel aus dem Ersten Weltkrieg, 1917

Dass der Erste Weltkrieg sich auch auf das zivile Alltagsleben weitab von den Fronten auswirkte, verdeutlicht ein banaler Gegenstand, der vor einigen Monaten der Diezer historischen Sammlung vermacht wurde: eine Backschaufel.

Ganz aus dickem Eisenblech hergestellt, hat sie die übliche Form eines solchen Küchenwerkzeugs mit oben zum Aufhängen umgebogenem, flachem Stiel und unten angenieteter Schaufelfläche. Die Flächen aber wurden genutzt, um die Kriegsmoral an der Heimatfront zu stärken. In geprägten Großbuchstaben steht auf dem Stiel der Spruch: "DER MANN IM KRIEG DIE FRAU IM HAUS MIT GOTTES HILF WIR HALTEN AUS!", darunter, zur Schaufel hin, die Jahreszahl "1917". Auf der Schaufelfläche sieht man, umschnörkelt von stilisiertem Dornengestrüpp, eine sich in Bogenform fortsetzende Reihe von einzelnen Frauenfiguren bei Feldarbeiten. Die Erste schiebt eine Karre mit Früchten oder Kartoffeln, drei im Gänsemarsch Folgende tragen in gebückter Haltung Körbe. Die Letzte fasst ein nachfolgendes Kind an der Hand, dieses wiederum führt einen Hund an der Leine.

Die Backschaufel wurde im Hause der Diezer Buchhändlerfamilie Meckel benutzt, deren Geschäftsinhaber Fritz Meckel an der deutsch-russischen Front diente. Seine Schwester Lucie führte die gesamte Kriegszeit hindurch Tagebücher, aus denen u.a. deutlich wird, wie sehr und wie nachhaltig der Krieg weitab von allen Fronten in das Zivilleben eingriff.
Die sorgfältig transkribierten und kommentierten Kriegstagebücher wurden im April 2012 vom Lahnbrück-Verlag als Buch veröffentlicht.




Mai 2012


Liebesbrief, Ende 18. Jahrhundert

In Zeiten, in denen vorformulierte Liebeserklärungen zum Verschicken per SMS im Internet angeboten werden, mag bereits ein handgeschriebener und per Post verschickter Liebesbrief ziemlich antiquiert erscheinen.

Ein wahres Kunstwerk aus einer lange vergangenen Epoche, voller Hingabe und mit großem Zeitaufwand angefertigt aber ist ein Liebesbrief, den ein Verehrer aus Görsroth ("Johann Phillipp Forst aus Görsch Roth") wohl in den 1790er Jahren seiner nicht namentlich genannten Angebeteten schickte. Zum Versandformat zusammengefaltet, hat der Brief etwa die Grundform eines Kuchenstücks. Ausgeklappt zu seiner vollen Größe ist er rund und erscheint in aller Pracht ähnlich einer rot und grün kolorierten, runden Tortenspitze mit vielen einzelnen, dekorativ geformten Feldern und verbindenden Papierornamenten. Das Papier wurde als radialsymmetrischer Scherenschnitt so bearbeitet, dass in der Mitte die Fläche eines achtzackigen Sterns blieb, umringt von acht Blütenkelchformen. Als äußerster Ring folgt darauf eine Anordnung von acht herz- und fächerförmigen Feldern. Der Briefschreiber nutzte die zahlreichen Schriftfelder, um sie in zierlicher Schrift mit poetischen Versen zu beschreiben, beispielsweise: "Wann ich sie doch lieben solt hätt ich was ich wünschen wolt." oder "Wann sie will mein Herz erkennen, so will ich sie vor meinen Schatz ernennen." Derart wurden 29 Felder beschrieben und die Angebetete hatte sicherlich eine ausführliche, vielleicht erfreuliche Beschäftigung damit, die vielen ihr gewidmeten und dekorativ verteilten Zeilen zu lesen.






Juni 2012


Speisekarte und Tanzprogramm des herzoglichen Hofballs am 7. Februar 1861

Zu den großen gesellschaftlichen Ereignissen des herzoglichen Stadtschlosses in Wiesbaden gehörten die mehrmals jährlich stattfindenden Hofbälle, an denen oft mehrere hundert geladene Gäste teilnahmen. Als Ballsaal wurde der große Konzertsaal genutzt, aber auch der Speise-, der Tanzsaal und die benachbarten Säle und Salons waren in die Festlichkeiten einbezogen. Von den Gästen erforderten die Hofbälle ein gewisses Durchhaltevermögen, denn sie begannen erst um 19.30 Uhr und zogen sich bis in die frühen Morgenstunden hin. Das über mehrere Säle aufgebaute Souper wurde erst nach Mitternacht serviert. Die in französische Sprache auf Handzetteln ausgedruckte Speisefolge begann mit einer einfachen Gerstencreme, worauf eine Reihe von Delikatessen folgte: kleine Erbsen mit Zunge und Frikadellen, Rebhuhnragout, Steinbutt mit Mayonnaise, gebratener Fasan, italienischer Salat, Wildschweinkopf, Cremebiskuits und schließlich Himbeer- oder Vanilleeis. Wie die Speisefolge, so waren auch die Tanzfolge, die erwartete Kleidung und der genaue Weg zu den Festräumen von vornherein festgelegt. Die Feierlichkeiten bewegten sich also in einem klar umrissenen, kontrollierten Rahmen, dessen Vorbilder im hochentwickelten höfischen Leben Frankreichs in der Zeit des Absolutismus zu suchen sind. Die beiden Programmkarten zum Wiesbadener Hofball gehören zur städtischen Sammlung in Diez, wohin sie vermutlich über den Nachlass der Familie Eberhard gelangten. Deren Mitglieder waren gelegentlich Gäste des Hofballs. Beide Karten sind in der 2012 erschienenen, umfangreichen Monografie zum Wiesbadener Stadtschloss von Rolf Bidlingmaier abgebildet, worin man Ablauf und Stil der Hofbälle an Beispielen anschaulich beschrieben findet.




Juli 2012


Intarsien-Ornamentfliesen, um 1890

In Häusern aus dem späten 19. Jahrhundert waren lebhaft gemusterte Intarsienfliesen auf den stark beanspruchten Fußböden von Dielen oder Durchgängen eine häufige Erscheinung. Sie sind sehr widerstandsfähig gegen Abrieb und Risse. Fliesen dieser Art wurden nur wenige Jahrzehnte lang in Ransbach, in Sinzig und Mettlach hergestellt.

Zum Einbringen der Farbe in die feuchte Rohfliese entfernte man das gewünschte Muster bis zu einer Tiefe von ca. 3 mm und  presste mit hohem Druck eine passend geformte und eingefärbte keramische Inlay-Masse wieder ein. Die Fliesen konnten meist in verschiedenen Varianten verlegt werden. Zu einem vollständigen Satz gehörten auch Eck- und Bordürenfliesen, mit denen man die Hauptfelder einrahmen konnte. Wenn aber der fertige Boden bei irgendwelchen späteren Umbauten beschädigt wurde, fehlte oft der nötige Ersatz. Dies und die Launen der Mode führten in vielen alten Häusern zum Verschwinden der Intarsienfliesen, obwohl diese Jahrhunderte überdauern können. Vollständige, originale Musterböden aus der Zeit um 1900 sind heute eine Seltenheit. Die beiden ausgestellten Fliesen entstammen dem Gebäude der ehemaligen Baustoffhandlung Baltzer in der Diezer Wilhelmstraße, wo sie als Teil eines Mustersortiments an der Wand des Durchgangs verlegt waren. Beim Umbau des Gebäudes zur heutigen Stadtbibliothek entfernte man die meisten alten Oberflächen, und ein Teil der historischen Kacheln fand seinen Weg in die stadtgeschichtliche Sammlung.

Im Jahr 2011 widmete sich eine Sonderausstellung des Keramikmuseums in Höhr-Grenzhausen der Herstellung solcher Intarsienfliesen.


August 2012


Rechenpuzzle mit Märchenmotiven, didaktisches Kinderspiel, um 1910

Durch die Fortschritte der industriellen Drucktechnik war es im Verlauf des 19. Jahrhunderts allmählich möglich geworden, beliebige Sorten von Papier und Pappe und auch andere Materialien in guter Qualität kostengünstig zu bedrucken, zu stanzen und zu schneiden. Auch Puzzles, die bisher per Hand ausgesägt werden mussten, konnten um 1900 maschinell gefertigt werden. So waren zu dieser Zeit alle technischen Voraussetzungen zum Erfinden beliebiger neuer Brettspiele gegeben. Einige der heute verbreiteten Spieleklassiker wie Halma, Mensch ärgere dich nicht oder Monopoly wurden in der Zeit um die Jahrhundertwende erfunden.

Neben der unterhaltenden und beschäftigenden Funktion von Brettspielen erkannte man auch deren Wert als pädagogisches Hilfsmittel. Kinder konnten beim Spielen Geduld, Geschicklichkeit, Strategie oder auch Lesen und Rechnen üben.

Ein Brettspiel, das die Aufgabe, szenische Märchenbilder zu vervollständigen, mit der Notwendigkeit zu lesen und zu rechnen verbindet, ist "Lustiges 1 x 1". Es enthält sechs Bilder aus "Hänsel und Gretel", aus denen jeweils elf Felder ausgestanzt sind. Auf den Leerfeldern steht eine Zahl, kombiniert mit einem Spruch, beispielsweise "96 So übt man im Einmaleins sich". Die dazu passende Rechenaufgabe steht auf der Rückseite eines der ausgestanzten Achteckfelder des Bildes. Legt man nun die Karten mit den gestellten Rechenaufgaben auf das Leerfeld mit der passenden Zahl, so vervollständigt sich nach und nach das Märchenbild. Das ausgestellte Exemplar des Spiels wurde der städtischen Sammlung kürzlich geschenkt.


September 2012


Bodenfliesen des Klosters Brunnenburg, Anfang 13. Jahrhundert

Vom Benediktinerinnenkloster Brunnenburg bei Bremberg, einer Anlage aus der Blütezeit der Klostergründungen Anfang des 13. Jahrhunderts, stehen heute nur noch klägliche Reste. Schon im 16. Jahrhundert wurde das Kloster im Zuge der Reformation aufgelöst. Man ließ die Gebäude verfallen und die Einwohner der umliegenden Ortschaften benutzten die dicken Mauern als Steinbruch.

Ein kulturgeschichtliches Interesse an der alten Ruine scheint erst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erwacht zu sein, als der Diezer Museums- und Geschichtsverein in Gestalt von Albert Rodday und Robert Heck sich anschickte, die städtische Sammlung um mittelalterliche Relikte zu erweitern. In dieser Zeit kamen einige Bodenfliesen und Säulenfragmente aus der Klosterruine in den Besitz der Diezer Sammlung. Ein Teil der Säulenreste ist heute Bestandteil der Dauerausstellung des Museums, während die spätromanischen Fliesen normalerweise magaziniert sind. Es handelt sich um weich gebrannte quadratische Tonfliesen mit einfachen geometrischen Ornamenten, die mit keramischen Modeln in den noch weichen Ton gedrückt wurden.

Aktueller Anlass zur Ausstellung der Fliesen ist die Vollendung eines maßstäblichen Modells von der vollständigen ursprünglichen Klosteranlage, das Klaus-Peter Gerheim aus Bremberg angefertigt hat. Sein Modell basiert auf den Ergebnissen jahrelanger wissenschaftlicher Bauforschung zur Ruine durch das Ehepaar Günter und Ingrid Maag in den 1970er Jahren. Das Modell und seine Begleittexte bilden über den bisherigen Rahmen der "Objekt-des-Monats-Reihe" hinaus eine allgemeinverständliche Erläuterung des baulichen Zusammenhangs, in den auch die Bodenfliesen seinerzeit eingebunden waren.


Oktober 2012


Ballonhülle von dem 1910 bei Weilburg zerstörten Zeppelin Z II

Nachdem Graf Zeppelin als Motor des deutschen Luftschiffbaus zwischen 1900 und 1906 bewiesen hatte, dass das Luftschiff ein brauchbares Transportmittel sein kann, begann sich auch das Militär für das neue Fahrzeug zu interessieren. Bereits das dritte Luftschiff Zeppelins, LZ 3, wurde 1908 vom Heer angekauft und erfolgreich erprobt. Das übernächste Exemplar, LZ 5, wurde im Jahr 1909 als zweiter militärischer Zeppelin mit dem Namen Z II vom Heer übernommen. Am 22. April 1910 begleitete Z II eine Militärparade in Bad Homburg, an der auch der Kaiser teilnahm. Auf der Rückfahrt mit dem Ziel Köln wurde er vom Wind ins Lahntal getrieben, gelangte bis über Diez und drehte ab, um wegen starken Windes und Gasverlustes bei Blumenrod notzulanden.

Auf seinem stürmischen Landeplatz konnte er aber nur schlecht verankert werden. Am nächsten Mittag wurde der Zeppelin durch einen plötzlichen Sturm losgerissen, schnell lahnaufwärts weggetrieben und zerschellte nach nur rund zehnminütiger Irrfahrt irreparabel am Webersberg bei Weilburg. Noch bevor Soldaten der Diezer 160er Garnison per  Sonderzug  zum Schauplatz des Unglücks gelangten, um diesen zu sichern, waren Scharen von Schaulustigen angekommen und begannen, Fetzen der Ballonhaut und Teile des Aluminiumgerippes als Andenken herauszureißen. Auch drei Angehörige der Diezer Familie Baltzer fuhren hin, um sich ein Stück der imprägnierten Leinwand zu sichern. Möglicherweise brachte ihnen der Besitz eines eigenen Automobils den entscheidenden Zeitvorteil gegenüber den Sicherungsmannschaften, denn die Trophäenjagd war erfolgreich: Den drei Schaulustigen gelang es, ein kleines Stück von der gigantischen Zeppelinhaut zu ergattern, welches dann sorgfältig zugeschnitten und mit den wichtigsten Daten des Ereignisses beschriftet wurde: den Namen der drei Ausflügler G., Emil und Lisbeth Baltzer, dem Datum und den Angaben zur letzten Reise des Zeppelins am 25. April 1910.








November 2012


Löscheimer aus Stroh, Anfang/Mitte 19. Jahrhundert

Die von den Gefangenen der ehemaligen Strafanstalt im Diezer Grafenschloss (1785-1927) zu leistenden Arbeiten waren recht breit gefächert: Anfänglich spielte die Wollspinnerei und -weberei die Hauptrolle, später die Marmorverarbeitung. Daneben aber gab es eine Vielzahl von Manufaktur- und Handwerksarbeiten, darunter das Bürstenbinden oder die Herstellung handwerklich gefertigter Spezialartikel wie Löscheimer für Feuerwehren und die private Brandbekämpfung. Einen solchen Löscheimer, vielleicht in der Diezer Strafanstalt hergestellt, beherbergt die städtische Sammlung. Im Aufbau einem Bienenkorb ähnlich, besteht er, abgesehen von einem Lederstreifen für den Henkel, nur aus Stroh, Schilf und einer Dichtungsmasse aus Lack und Ziegelmehl. Zur Herstellung drillte man zunächst das Stroh zu einem Seil. Dieses wurde dann eng anliegend spiralförmig zunächst zur Bodenfläche, dann zur gesamten Eimerform aufgewickelt und dabei mit Schilfstreifen fest verbunden. Um das Gefäß wasserdicht zu machen, wurde es zum Schluss innen und außen mit der Masse aus Ziegelmehl und Lack bestrichen. Sowohl die Feuerwehren als auch private Haushalte verfügten im 19. Jahrhundert über solche und auch über andere Arten von Löscheimern wie die viel leichteren, aber auch teureren Exemplare aus Leder. Zur Kennzeichnung sind alte Löscheimer meist mit Initialen oder mit einer kompletten Adresse versehen. Der ausgestellte Löscheimer trägt die breit aufgepinselten Initialen N B., möglicherweise die Anfangsbuchstaben eines einzelnen Hausherrn oder einer Gemeindefeuerwehr.


Januar 2013


Sammelalbum mit Reklamemarken, um 1910

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg waren die heute fast ausgestorbenen Reklamemarken ein ziemlich verbreiteter Werbeträger. Von den Herstellern wurden sie block- oder streifenweise den Warensendungen beigegeben, um sie über den Groß- und Einzelhandel an die Kunden zu verteilen. Ihr Erscheinungsbild mit gezähntem Rand und klebender Rückseite ähnelt dem von Briefmarken, nur sind sie meist größer und farbenfroher. Durch die aufwändige, oft künstlerisch anspruchsvolle Gestaltung waren Reklamemarken begehrte Sammelobjekte, so dass die Werbebotschaft im gewünschten Sinne bei den Käufern ankam.

Für eifrige Sammler wurden vorgefertigte Alben angeboten, worin die Marken in beliebiger Reihenfolge und Anordnung eingeklebt oder eingesteckt werden konnten.
Natürlich konnte man auch selbst ein Album zu diesem Zweck herstellen. Ein solches selbstgemachtes Exemplar wurde von der Familie des Diezer Einzelhändlers und Friseurs Georg Merkel mit Werbemarken vollgeklebt. Der in der Bahnhofstraße 1 gelegene "Rasier-und Frisier-Salon Georg Merkel" war zugleich Fachgeschäft für Parfümeriewaren, Reinigungsmittel, Porzellan, Zigarren, Krankenpflegeartikel und einiges weitere. Nach Merkels Tod betrieb dessen Witwe den ehemaligen Salon als eine Art Drogerie in der Marktstraße weiter.
Der Angebotspalette entsprechend geben die Reklamemarken des gut gefüllten Sammelalbums Auskunft über ein großes Spektrum von Firmen und Marken. Dazu gehören längst vom Markt verschwundene Händler wie die Frankfurter Eis-Beschaffungs-Gesellschaft, die Eis für Kühlschränke auslieferte, aber auch langlebige, bis heute bestehende Erfolgsmarken wie Odol, Erdal und Trumpf-Schokolade.




Februar 2013


Kohlefadenlampe, um 1900

Mit Inkrafttreten der vierten Stufe des Verkaufsverbots für Glühlampen im Herbst 2012 wurde der rund 133-jährigen Erfolgsgeschichte dieses Lampentyps ein jähes Ende bereitet. Die meisten verbleibenden Glühlampen werden wohl noch verbraucht werden und einige wenige werden als stumme Zeugen eines abgeschlossenen Kapitels der Technikgeschichte in historische Sammlungen wandern.

Ähnlich erging es schon vor rund hundert Jahren ihrer frühesten Form, der Kohlefaden-Glühlampe. Thomas A. Edison hatte sie 1879 in zähester Detailarbeit  erfunden, zur Marktreife entwickelt und zu ihrem Betrieb bis 1881 ein komplettes System zur allgemeinen Stromversorgung ausgearbeitet, den Beginn unseres heutigen Stromnetzes. Seine Lampe wurde zum sinnfälligen Beweis für die Segnungen der Elektrotechnik. Sie machte das Licht jederzeit verfügbar, war langlebig, ungefährlich und sparsam - gemessen an den Kosten für Gas- oder Petroleumlicht. Nach 1900 aber konnten Metallfadenlampen hergestellt werden, die noch effizienter und billiger waren und die alten Kohlefadenlampen schnell verdrängten.

Die Diezer Sammlung besitzt einige alte Kohlefadenlampen, darunter ein Exemplar für 220 V Spannung mit vier Glühfäden, hergestellt von der AEG nach Edisons Verfahren. Bei insgesamt modernem Aussehen hat sie zwei Merkmale, die auf eine Herstellungszeit um 1900 hinweisen:
1. einen Glasnippel an der Oberseite als Hinweis auf die noch eher handwerkliche Fertigung der Birne und
2. den aufgedruckten Herstellernamen  A.E.G. mit den 1907 abgeschafften Punkten hinter den Buchstaben.
Das Exemplar wurde vermutlich im Rahmen der 1904 vorgenommenen Elektrifizierung von Freiendiez durch das Wagner/Hatzmannsche Mühlenkraftwerk angeschafft und blieb durch glückliche Umstände in kaum benutzem Zustand und völlig unbeschadet erhalten.


März 2013


Steinbaukasten für Kinder, 1880er Jahre

Als Objekt dieses Monats zeigen wir hier einen alten Steinbaukasten aus dem späten 19. Jahrhundert.

Das Spiel besteht aus Bausteinen in drei verschiedenen Farben (rot, gelb und blau), welche aus Sand, Schlämmkreide und Leinöl gepresst wurden. Dem Baukasten sollten eigentlich zwei Bauanleitungen beiliegen, welche bei diesem Kasten leider nicht mehr vorhanden sind. Die Herstellerfirma, F. Ad. Richter & Cie. in Rudolstadt / Thüringen, produzierte Baukästen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden (in diesem Fall Schwierigkeit Nr.6). Man konnte sich für die Kästen Erweiterungen kaufen, um auf neue Schwierigkeitsgrade zu kommen.

Auf der reich dekorierten Oberseite des Holzkastens, in dem sich die Bausteine befinden, sieht man das Firmenlogo von Friedrich Adolf Richter (Anker) und das von Gustav und Otto Lilienthal (Rotes Eichhörnchen). Die als Flugpioniere bekannten Brüder Lilienthal entwickelten die Bausteine im Jahr 1880 und verkauften die Lizenz 1882 an Richter. Das System wurde unter dem Namen "Anker-Steinbaukasten" bis 1963 produziert. In dieser Zeit wurden ca. 5 Milliarden einzelne Bausteine verkauft. Seit einigen Jahren ist das Spiel wieder auf dem Markt erhältlich.
Die Kunststeine des Anker-Kastens wirken wie natürliche Steine: Sie sind schwer, kalt, hart und rau. Durch ihr hohes Gewicht stehen sie stabiler als Holzbauklötze. Außerdem enthält der Kasten Bauelemente in Form von Bögen und Säulen, in denen sich der Stil der damals zeitgenössischen Architektur widerspiegelt.

Anna Etheber


April 2013


Reservistentassen aus Diez, 1913

Bei einer Onlineauktion konnten kürzlich zwei Reservistentassen ersteigert werden, die ein entlassener Soldat seinen Eltern schenkte.

Der Soldat beendete seinen Dienst bei der ersten Kompanie des Rheinischen Infanterie-Regiments in Diez im Jahr 1913. Als Andenken schenkte er seinen Eltern jeweils eine mit Bildern und Ornamenten reich geschmückte Tasse mit Untertasse. Auf der Schauseite der Tassen steht, reich verziert, unterhalb einer vergoldeten Krone und dem Zeichen des 160er-Regiments: "Meiner lieben Mutter" bzw. "Meinem lieben Vater", umkränzt von Weinranken und vergoldeten Perlen. In Richtung Henkel folgen zwei farbige Bildchen, auf denen links zwei Soldaten bei der Wachablösung vor einem Schildhaus zu sehen sind, rechts als häusliches Idyll ein älteres Ehepaar am runden Kaffeetisch mit einem jungen Soldaten. Auch diese Bilder sind mit Inschriften versehen. Dort heißt es: "Auf einsam stiller Wacht, hab ich an m.l. Mutter (bzw. Vater) gedacht" und "Froh erwache jeden Morgen Trink Deinen Kaffee ohne Sorgen." Auf der Inschrift der einzigen erhaltenen Untertasse steht der Name des Soldaten Theodor ausdrücklich erwähnt.

Obwohl der üppige Schmuck die Reservistentassen wie einen ganz besonderen Wertgegenstand erscheinen lässt, waren solche Andenken Massenware. Als Teil eines von der preußischen Armee tradierten, ausgedehnten Reservistenkults halfen sie, das Ansehen des Militärs in der Zivilbevölkerung hochzuhalten.

Deutliche Gebrauchsspuren an der Tasse für die Mutter zeigen, dass sie offensichtlich ausgiebig genutzt wurde. Diejenige des Vaters hingegen sieht hundert Jahre später noch wie neu aus. Die Ereignisse des Jahres 1914 lassen vermuten, dass die Reservistenzeit des jungen Soldaten nicht allzu lange angehalten haben dürfte und der Spruch "Froh erwache jeden Morgen Trink deinen Kaffee ohne Sorgen" bald allzu unrealistisch gewesen sein könnte.




Oktober 2013


Kolorierte Daguerreotypie: Porträt Dorothea Hartmann, um 1850

Als willkommene Ergänzung der Ausstellung zur frühen Photographie zeigten wir im Oktober als Objekt des Monats eine Daguerreotypie. Sie ist mit Sicherheit nicht in Diez entstanden, bildet aber in Gestalt von Do­rothea Hartmann eine Angehörige der für Diez und Umgebung bis heute bedeutenden Familie Schaefer ab. Die Daguerreotypie ist Teil der pho­tographischen Sammlung des Familienarchivs und wurde uns freundli­cherweise von Dr. Gernot Schaefer zur Verfügung gestellt.

Anhand der Machart des aus edlen Materialien gefertigten Klappetuis und den Lebensdaten der Dorothea Hartmann lässt sich die Entste­hungszeit sicher auf die frühesten 1850er Jahre datieren. Zu den Beson­derheiten der überaus fein und scharf abbildenden Photographie gehört die Kolorierung. Gesicht und Hände wurden kaum merklich mit roten Pigmenten getönt und der Schmuck vergoldet. Obwohl der unbekannte Daguerreotypist diese Farbakzente nur sehr behutsam einsetzte, erzielte er damit eine große Wirkung. Die Kolorierung verleiht dem farblosen photographischen Abbild einen Grad an Lebendigkeit, der ansonsten der Malerei vorbehalten ist. Damit sind die Vorteile von Malerei und Photo­graphie in diesem frühen Beispiel elegant kombiniert: Die nüchterne Prä­zision der Photographie wurde nach subjektiven künstlerischen Erwä­gungen ergänzt, das technische Bild zum Kunstwerk erhoben.

Das Abbild der Dorothea Hartmann trägt die typischen Stilmerkmale des Biedermeierporträts. Es ist in formaler Strenge inszeniert und lässt nur in  Kleidung und Schmuck die wohlhabenden Verhältnisse erkennen, der die Abgebildete entstammt. In der symmetri­schen Komposition gibt es keinen Bildraum und kaum weitere Motive außer einem Fächer als kleinen Gegenstand, der etwas von der Persön­lichkeit der Frau zu erkennen gibt.

November 2013


"Deutsches Wörterbuch" von Jacob und Wilhelm Grimm in Erstausgaben, ab 1854

Als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im Jahr 1838 anfingen, ein "Deutsches Wörterbuch" zu schreiben, war ihnen nicht bewusst, auf welches gigantische Werk sie sich damit einließen. Immerhin sollte das Endergebnis jedes deutsche Wort seit Luthers Zeit mit lateinischer Übersetzung, Herkunft, Kommentaren und Belegstellen enthalten.

Alles begann mit einer politisch-persönlichen Zwangslage: Als Mitverfasser des Protests der "Göttinger Sieben" gegen die Aufhebung der Verfassung durch den König von Hannover waren die Brüder 1837 von ihren Professorenämtern an der Universität Hannover suspendiert und des Landes verwiesen worden. Sie hatten nun Zeit. Daraufhin bot der Verleger Salomon Hirzel ihnen das Wörterbuchprojekt an, um "die unfreiwillige Muße auszufüllen". Der Auftrag war nicht nur eine Solidaritätsbekundung des liberal gesinnten Verlags zugunsten zweier Kämpfer für den deutschen Liberalismus. In der Zeit der Kleinstaaterei war das Werk auch ein Beitrag zum geistigen Zusammenwachsen der Nation. Nach knapp 16 Jahren intensiver Arbeit wurde 1854 der erste Band des Wörterbuchs publiziert. Er umfasste auf 1.823 Seiten die Wörter von A bis Biermolke. Spätestens mit der Publikation dieses ersten Zwischenschritts wurde offenkundig, welche Herkulesaufgabe die beiden Philologen begonnen hatten. Bis zum Ende ihres Lebens gelang ihnen nur noch die Bearbeitung bis einschließlich dem Buchstaben E. Das Projekt wurde nach ihrem Tod fortgesetzt, doch konnte es erst 1961 mit dem 32. Band abgeschlossen werden.

Die Stadtbibliothek Diez besitzt die ersten fünf Bände des deutschen Wörterbuchs in erster Auflage. Der älteste Eigentumsstempel weist sie als Bestand des königlichen Cadettenhauses in Oranienstein aus. Nach dessen Auflösung gelangten sie in die Stadtbibliothek. Zum Anlass des 150sten Todesjahrs von Jacob Grimm werden die Diezer Exemplare des Wörterbuchs als Objekt des Monats November im Museum im Grafenschloss ausgestellt.


Dezember 2013


Zylinderhut aus der Diezer Huthandlung Kah, um 1900

Zu einem der Museumssammlung überlassenen Konvolut alter Gegenstände und Dokumente gehört ein feiner Zylinderhut aus schwarzem Seidensatin. Laut Beschriftung der zugehörigen Hutschachtel wurde er einst von Georg Merkel getragen.
Im Unterschied zur Mütze ist der Hut von alters her ein Symbol des Bürgerlichen. Schon im römischen Reich bekamen freigelassene Sklaven einen Hut als Zeichen ihrer bürgerlichen Freiheit. Über die modischen Varianten vieler Jahrhunderte hinweg blieb diese Bedeutung bis heute erhalten. Vom 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre repräsentierte der steife Zylinder wie kein anderer Hut den gut situierten Bürger. Während die vornehmen Damen dieser Epoche mit mehr oder minder gewagten Kleidern und wuchernden Hüten Bewunderung anstrebten und Peinlichkeit riskierten, verlieh der schlichte, edle Zylinderhut - in Kombination mit einem Frack - seinem Träger zuverlässig Eleganz und Würde. Er war fast ein bürgerliches Uniformstück und wurde auch in Karikaturen gerne so benutzt. In der jetzigen hutarmen Zeit erscheint daher gerade ein Zylinder wie ein Relikt aus einer Zeit, in der es noch bedeutend förmlicher, aber auch feierlicher zuging als heute. Von wenigen sehr festlichen Anlässen und den höchsten Klassen des Dressurreitens abgesehen, sind dem Zylinder Auftritte in den Nischen der Nostalgie und der Komik geblieben. Man findet ihn fast nur noch auf den Köpfen von Zauberkünstlern, Drehorgelspielern, Fastnachtsgecken und manchmal auch noch als Zierde des einen oder anderen Bräutigams oder Brautzeugen.
Entsprechend der größeren Verbreitung von Hüten gab es in früheren Jahrzehnten weitaus mehr Hutgeschäfte als in unserer Zeit. Das ausgestellte Exemplar - ein faltbarer Chapeau claque - wurde in der "Filz- und Seidenhuthandlung von L. & W. Kah in Diez, Altstadtstraße No 4" erworben.


Februar 2014


Ehrentafel der im Ersten Weltkrieg gefallenen Diezer

Die kleine Ehrentafel ist eine Fotomontage, vermutlich aus dem Diezer Fotoatelier von Karl Bender. Sie zeigt in einer symmetrischen Rahmung aus gemalten Eichenlaubmotiven und Schrift die aufgereihten Portraits von 74 gefallenen Diezern. Durch die Ehrentafel wird manch einem Einwohner der Stadt Diez die Möglichkeit geboten, Vorfahren zu entdecken und diesen ein Gesicht zuzuordnen. Obwohl die Zusammenstellung als "Ehrentafel der gefallenen Krieger" für den gesamten Kriegszeitraum 1914 bis 1918 beschriftet ist, sind darauf längst nicht alle Diezer Opfer des Weltkrieges aufgelistet. Warum die Reihung unvollständig blieb und nach welchen Kriterien die Auswahl vorgenommen wurde, lässt sich nicht ersehen.
Die Gestaltung der Ehrentafel lehnt sich an Reservisten- und Erinnerungsbilder der preußischen Militärtradition an. Diese wurden gerne in Kneipen oder Vereinsräumen, aber auch in bürgerlichen Wohnungen aufgehängt. Daher  ist anzunehmen, dass auch die Ehrentafel der Diezer Gefallenen, natürlich noch in ihrer ursprünglichen Rahmung, in einem ähnlichen Zusammenhang präsentiert wurde.


März 2014


Apothekengefäß für das Heilmittel Theriak, spätes 19. Jahrhundert

Die ehemalige Diezer Hof- und heutige Amtsapotheke wurde vor 340 Jahren durch ein Privileg der Fürstin Albertine Agnes ins Leben gerufen. Dieses Jubiläum ist Anlass, in diesem Jahr nach und nach einzelne Gegenstände aus dem Apothekenarchiv als Objekt des Monats im Diezer Museum zu zeigen. Den Anfang macht im März ein knapp 200 ml fassendes Porzellangefäß für das dickflüssige Heilmittel Theriak aus dem späten 19. Jahrhundert. Es trägt die Aufschrift "ELECT. THERIAC. S. OPIO".
Dieses Gefäß repräsentiert im Kleinen die allerspäteste Phase einer Jahrtausende langen Laufbahn des Theriaks. Sie begann in der griechisch-römischen Antike.
Seit 300-200 v. Chr. wurde Theriak mit dem Ziel, Giftmorden vorzubeugen und Schlangenbisse zu kurieren, aus vielen, mit der Zeit variierenden Zutaten gemischt. Schon in der Antike verwendete man bis zu siebzig Ingredienzen. Hauptbestandteil war Opium, hinzu kamen getrocknete Heilkräuter, aber auch tierische Zusätze, wie Vipernfleisch, Entenblut, Bärengalle, Flusskrebs. Um den Geschmack angenehmer zu machen, wurde später auch Zimt hinzugefügt.
Ziemlich schnell erlangte die neue Arznei den Ruf eines Allheilmittels. Seit dem Aufkommen des Christentums in der Spätantike wurde der Gebrauch des Theriaks aber jahrhundertelang unterdrückt. Erst mit der Rückbesinnung auf die Antike in der Neuzeit gelangte er wieder zu neuer Autorität.
Selbst in der wissenschaftlichen Phase der Pharmazie hielt er sich noch bis um 1900 im Sortiment der Apotheken, zuletzt ohne die Zutat Opium (S.OPIO = ohne Opium). Gleichzeitig verschwanden weitere, nur durch ihre Tradition, nicht aber durch erwiesene Wirksamkeit legitimierte antike und alchemistische Arzneien: Krebsscheren, Mumia, fossiles Einhorn, spanische Fliege usw. Die Verwissenschaftlichung des Fachs der Pharmazie hat sie in ein Schattendasein der Volksmedizin und der modernen Quacksalberei verdrängt.


April 2014


Bratpfanne als Gegenleistung für gespendetes Kriegsmetall, 1916

Je mehr sich der Erste Weltkrieg zur Materialschlacht entwickelte, desto wichtiger wurde es, alle Ressourcen konsequent zu nutzen. Besondere Bedeutung hatten die Metalle, denn sie waren das Material für Waffen und Munition. Die deutsche Schwerindustrie war durchaus in der Lage, den gestiegenen Anforderungen an die Eisen- und Stahlproduktion gerecht zu werden. Die Rohstoffe dazu waren im Reichsgebiet vorhanden und über das neutrale Schweden zu beziehen. Kupfer und andere Buntmetalle aber konnten kaum aus eigenen Vorkommen gewonnen werden. Zugleich war der Nachschub massiv eingeschränkt. Eine Teillösung des Problems boten reichsweit organisierte Metallsammlungen, denen im Laufe des Krieges  aus Kupfer, Bronze, Messing, Zinn und Aluminium gefertigte Haushaltsgeräte, Dekorationsartikel und kunstgewerbliche Objekte in großer Menge zum Opfer fielen. Für die Abgabe wertvoller kupferner Pfannen und Töpfe gab es eisernen Ersatz. Ein solches Exemplar, eine Pfanne, wird als Objekt des Monats April ausgestellt.

Sie stammt aus einem Haushalt in Dörnberg-Hütte. Die schmiedeeiserne Pfanne wurde aus einer Schale und einem Griff zusammengenietet. Am Ende des Griffes ist ein Schwertmotiv ausgestanzt, darunter zeigt ein dekoratives Prägerelief links einen Soldaten mit Gewehr und Bajonett, rechts eine Frau mit Pfanne. Einander zugewandt geben beide Figuren sich wie zu einem Vertrag die rechte Hand. Der Soldat repräsentiert den militärischen Fronteinsatz zur Sicherung der Heimat. Diese ist personifiziert in Gestalt der Frau, die ihrerseits durch das gespendete Küchenmetall zum Erfolg des Militäreinsatzes beiträgt. Front und Heimat sollen also zusammenstehen und gemeinsam den Erfolg des Kriegs gewährleisten.

Ein in den Rand der Pfanne geprägter Schriftzug erklärt Näheres:
DER DEUTSCHEN HAUSFRAU OPFERSINN . GAB KUPFER FÜR DAS EISEN HIN . IM WELTKRIEG 1916.


Mai 2014


Retorten, 1970er Jahre

Als eines der ältesten und einfachsten Destilliergefäße gehörte die Retorte lange zu den verbreitetsten Apparaturen der praktischen Chemie und Pharmazie. Die Destillation mittels der Retorte und ähnlicher Geräte war über Jahrhunderte hinweg die einzige Möglichkeit, flüssige Stoffe wie Wasser, Alkohol, ätherische Öle oder Mineralöle in Reinform herzustellen. Daher gehörten Retorten zur Standardausrüstung einer jeden Apotheke. Der Name für die aus Keramik, Metall oder Glas gefertigten Gefäße bezeichnet einen Herstellungsprozess bei der Glasbläserei. Es wird ein Rundgefäß mit langem Hals geblasen und dieser dann etwa rechtwinklig zur ursprünglichen Ausrichtung nach unten umgebogen. Diese namensgebende "Re-Torsion", die Rückwärtsdrehung des Halses, gliedert das Gefäß in zwei funktionale Teile: die Blase, in die das Destilliergut eingefüllt wird, um es zu erhitzen, und das lange Auslaufrohr, an dessen kühler Glaswandung sich das verdampfte Destillat niederschlägt.
Weit verbreitet und einfach in der Form, wurde die Retorte mit der Zeit zum bildlichen Symbol der Chemie und später zum Synonym für die wissenschaftlich-industrielle Manipulation der Natur. Das "Retortenbaby" der späten 1970er Jahre und zahlreiche Dinge "aus der Retorte" haben mit dem ursprünglichen Destilliergefäß nichts mehr zu tun. Gleichzeitig wurde die Retorte durch viel effektivere Destilliereinrichtungen verdrängt, so dass man ihr heute fast nur noch in Apothekenmuseen oder als Bild in Firmenzeichen der chemischen Industrie begegnet.
Die gezeigten späten Exemplare stammen aus dem Fundus der Wuthschen Apotheke. Es ist unklar, wozu sie dort noch in einer Zeit benutzt wurden, in der es bereits viel bessere Destillierverfahren gab.


Juni 2014


Porzellandose für Kriegsbutter, 1916/18

Der Erste Weltkrieg als Waffengang zwischen hochentwickelten Industrienationen forderte den Einsatz aller Ressourcen in bis dahin ungeahnter Konsequenz. Neben den unzähligen Menschen benötigte man vor allem Nahrungsmittel, Fahrzeuge, Pferde, Metalle aller Arten, Öle, Fette, Brennstoffe, Salze, Stoffe und Fasern und natürlich Geld.
Mit der Zeit bekam die Zivilbevölkerung deutlich zu spüren, was die vorrangige Versorgung des Heeres mit knappen Gütern bedeutete. Nicht nur fehlten die jungen Männer zuhause als Arbeitskräfte; es wurden auch viele Dinge immer seltener und teurer. Alltägliche Waren mutierten plötzlich zu Luxusgütern und vieles, was man sich im Frieden ab und zu geleistet hatte, war jetzt streng rationiert oder völlig unerreichbar.
Eine "Butterdose aus den Kriegsjahren 1916/18" (so die originale Aufschrift auf dem Deckel) veranschaulicht durch Beschriftung und Größe beispielhaft die kriegsbedingte Rangerhöhung der Butter in den Stand eines Luxusguts. Das Porzellangefäß hat mit einem Innendurchmesser von 42 mm und einer Wandungshöhe von 18 mm nur ziemlich wenig an Fassungsvermögen. Ein passendes quaderförmiges Butterstück hätte ein Gewicht von rund 27 Gramm, was etwa einem Neuntel des heutigen Butter-Standardpäckchens entspricht. Zur Erklärung des winzigen Formats und wohl auch zur Stärkung der Heimatmoral diente die oben zitierte Aufschrift auf dem Deckel der Dose, die mit feinen Goldstreifen wie ein Schmuckbehältnis gestaltet ist. Ähnlich zierliche Gefäße gab es auch für Zucker und Milch.
Die Kriegsbutterdose ist eine freundliche Leihgabe aus Diezer Privatbesitz. Sie wird auch in der Sonderausstellung zum Ersten Weltkrieg im Herbst zu sehen sein.


Juli 2014


Flasche für Mutterkorntinktur aus der Diezer Amtsapotheke, spätes 19. Jahrhundert

Der Arzt und Alchemist Paracelsus (1494-1541) formulierte 1538 den heute allgemein anerkannten Satz: "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei." Für einige Arzneimittel trifft Paracelsus' Erkenntnis in besonderem Maße zu, etwa für das Mutterkorn. Hier ist die Spanne zwischen Heilwirkung und tödlicher Vergiftung kurz. Ein Mutterkorn (pharmazeutischer Name: Secale cornutum) ist das schwarze, bis 3 cm lange Überdauerungsorgan eines an Roggen und anderen Gräsern schmarotzenden Pilzes. Als "Mutter der Körner" ragt es ein Stück weit aus den Ähren heraus. Trotz der Größe der Pilze gelang es in früheren Jahrhunderten oft nicht, sie aus der Getreideernte zu entfernen, so dass sie das Mehl verunreinigten. Die Folge konnten epidemische Vergiftungen, das gefürchtete "Antoniusfeuer", sein, durch das viele Menschen unter furchtbaren Krämpfen, begleitet von Nekrosen, Sinnesstörungen und Halluzinationen, starben.
Lange Zeit wurde die muskelstimulierende und gefäßverengende Wirkung des Mutterkorns gynäkologisch genutzt, u.a. zum Einleiten von Wehen, zum Stillen von Blutungen, aber auch zur Abtreibung. Auch dies trug zum Namen "Mutterkorn" bei.
Um 1940 entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann bei der Erforschung von Derivaten der Mutterkorndrogen die psychoaktive Wirkung des Lysergsäurediäthlyamids, das später als psychedelische Droge LSD eine zweifelhafte Karriere machte. Heute spielt LSD für den Schwarzmarkt kaum noch eine Rolle, denn ohne Suchtpotential verspricht die Kombination von Illegalität und aufwändiger Herstellung keinen Gewinn.
Die von der Diezer Amtsapotheke vertriebene Mutterkorntinktur (alkoholischer Auszug) diente vermutlich den gynäkologischen Anwendungen, vielleicht auch als Mittel gegen heftige Migräne. Wegen ihrer Giftigkeit werden Mutterkornpräparate heute fast nicht mehr verwendet.


November 2014


Kochrezepte in Kriegszeiten: praktisch und ironisch

Ergänzend zu unserer Sonderausstellung zeigen wir aus Limburger Privatbesitz zwei unscheinbare Druckerzeugnisse, die ein grelles Licht auf die Notwendigkeit des Sparens von alltäglichen Dingen in den Jahren des Ersten Weltkriegs werfen: ein Buch mit Rezepten und Ratschlägen zum Benutzen der "Kochkiste" und ein ironisches Rezept zur Verwendung von Lebensmittelkarten.  
Die Kochkiste ist ein Behälter, in den Töpfe mit kochenden Speisen eingestellt werden. Durch die Wärmeisolierung der Kiste mit  Holzwolle und Papier wird der Garvorgang ohne weiteres Erhitzen in Gang gehalten, dauert allerdings recht lange, da die Temperatur zwangsläufig unter 100 Grad absinkt. Auf diese Weise kann jedoch wertvoller Brennstoff eingespart werden.
In der Einleitung des Buchs wird jeder Hausfrau in moralisierendem, pathetischen Ton nahegelegt, die Kiste zu benutzen und dadurch und mit einer sinnvollen Auswahl der Kochzutaten ihren Beitrag zur Kriegswirtschaft zu leisten. Die darauf folgenden Rezepte empfehlen die Verwendung von heimischem Gemüse, Getreide, heimischem Fisch und Innereien. Die Anzahl der Fleischrezepte ist dagegen  -  kriegsbedingt - gering.

Aus demselben Haushalt stammt eine ungelaufene Postkarte der Kriegszeit. Überschrieben mit "Bürgerliches Kochrezept!", macht sich der Text auf der Schauseite über die Bezugskartenwirtschaft lustig: "Man nehme die Fleischkarte, wälze sie in der Eierkarte und brate sie in der Butterkarte an. Die Kartoffelkarte und Gemüsekarte wird gekocht, und die Mehlkarte hinzugesetzt. Als Nachtisch brühe man die Kaffeekarte auf und füge die Milchkarte hinzu. Feinschmecker lösen die Zuckerkarte darin noch auf. Nach dem Essen wäscht man sich mit der Seifenkarte und trocknet sich an dem Bezugsschein." Unter dem Einfluss ständiger Spar- und Spendenaufrufe bei gleichzeitiger Mangelversorgung mag eine solche Form der Ironie ein wenig Erleichterung in den Kriegsalltag der zuhause gebliebenen Familien gebracht haben.



März 2015


Robert Baltzer, Allegorie des Krieges, verm. 1940er Jahre

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für alle Deutschen einen Neubeginn, ob sie das Kriegsende nun als Erlösung von der Nazityrannei oder als Niederlage empfunden hatten. Die Meisten wollten mit der alten Zeit schnell abschließen, um ihre Kräfte dem schwierigen Alltag widmen zu können. Nur wenige setzten sich schon früh kritisch mit der Nazizeit und ihren Folgen auseinander. Das gilt auch für Literatur und Kunst. Zu den wenigen wirklich drastischen literarischen Beispielen dieser Jahre gehören Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" und Gert Ledigs Roman "Vergeltung" über einen Bombenangriff auf eine deutsche Stadt. In Malerei und Plastik wurde vor allem die zuvor als "entartet" verbotene Klassische Moderne nachgeholt, daneben gab es als weitere Form der Vergangenheitsbewältigung das Thema "Verletzung und Zerstörung" in figürlichen Darstellungen. Um zu viel an grausamer Direktheit zu vermeiden, wurde manches in der traditionell-verschlüsselten Gattung der Allegorie zum Ausdruck gebracht.
Der Diezer Architekt und Maler Robert Baltzer (1880-1960) setzte sich auf diese Art in einer Tuschzeichnung mit dem Schrecken des Krieges auseinander. Es ist zu vermuten, dass das undatierte Blatt in den frühen bis mittleren 1940er Jahren, also um die Zeit des Kriegsendes herum, entstand. Aus dieser Zeit sind mehrere Blätter Baltzers mit apokalyptischen Themen erhalten.
Die Zeichnung zeigt inmitten von Häuserruinen die auf einer ausgebrannten Giebelwand sitzende Figur des Todes als Krieger, der mit ausgestrecktem rechten Arm eine Fackel über ein ländliches Gebiet hinweg hält. Die Botschaft ist leicht verständlich: Der apokalyptische Krieger sendet die Brandfackel des Todes über das Land -  in einer Geste, die ein wenig an den über Jahre hinweg verpflichtenden Hitlergruß erinnert.
Ende März jährt sich zum 70sten Mal das Kriegsende in unserer Region. Das Museum im Grafenschloss möchte den dramatischen Ereignissen dieser Zeit mit einer Reihe von monatlichen Objekten gedenken. Vorschläge für passende Leihgaben werden gerne entgegengenommen.



April 2015


Daniel Chodowiecki, Hochzeitsallegorie, 1767

Zur Erinnerung an die Hochzeit Wilhelms V. von Oranien und Wilhelmines von Preußen fertigte der polnische Grafiker Daniel Chodowiecki (1726-1801) 1767 eine Radierung im Rokokostil an.
Anstatt die Hochzeit in wirklichkeitsnaher Form mit den tatsächlich anwesenden Personen wiederzugeben, verlegte Chodowiecki sie in die mythologisch-allegorische Bildwelt der Antike. Und anstatt an einem christlichen Traualtar vollzieht sich die Zeremonie am Altar des griechischen Hochzeitgottes Hymenaios. Dieser und die Verkörperung des Überflusses sitzen auf einer darüber schwebenden  Wolke und streuen Blumen auf die zweiteilige Hochzeitsgesellschaft herab. Links führen die Tugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit und Weisheit Wilhelm zum Altar, während rechts Wilhelmine, gefolgt von Viktoria, den drei Grazien und Athene, zum Altar schreitet. Eine das runde Hauptfeld umspielende Rahmendarstellung verbindet politische und dynastische Motive: Den Oranier vertreten links eine aus Schiffen gebildete Krone, das Nassauische Wappen, militärische Objekte und Orangenzweige; die preußische Prinzessin rechts Rosen, Krone und Adler.
Das Blatt gehört zur verbreiteten Gattung der Gedenkblätter auf fürstliche Ereignisse. Zusammen mit weiteren Grafiken wurde es kürzlich von der Diezer Familie Fuchs der städtischen Sammlung geschenkt. Ein weiteres Exemplar hängt im Museum Oranienstein. Dort brachten Wilhelmine und Wilhelm ihre letzten Jahre zu. Nachdem französische Truppen 1795 die Oranierherrschaft in den Niederlanden beendet hatten und das Oranierpaar ins englische Exil gegangen war, siedelten beide mit ihrer Familie 1801 nach Diez über. Hier sorgten sie durch Schenkungen, soziale Maßnahmen und Steuererleichterungen für das Wohlergehen der Stadt. Wilhelm starb 1806 während eines Aufenthalts in Braunschweig. Wilhelmine überlebte ihn um 14 Jahre. Sie musste vor den Franzosen bis nach Kopenhagen und Berlin fliehen. Am Ende ihres Lebens aber erlebte sie 1815 noch die Proklamation ihres Sohnes Wilhelm VI. zum ersten König der Niederlande.



Mai 2015


Frankfurter Presse vom 3. Mai 1945

Sobald amerikanische Truppen Ende März 1945 in Frankfurt und auch in unsere Region eingezogen waren, begannen sie, das öffentliche Leben in die Hand zu nehmen. Zu den ersten Maßnahmen zählte die Kontrolle der Zeitungen. Aus den bestehenden Frankfurter Blättern wurde die "Frankfurter Presse" ausgewählt, um nun unregelmäßig als "Alliiertes Nachrichtenblatt" in einem Teil der amerikanisch besetzten Gebiete zu erscheinen. Zuvor war sie ein gleichgeschaltetes Rädchen in der eintönigen Presselandschaft des Dritten Reiches gewesen. Mit der alliierten Erstausgabe vom 21. April nun änderte sich ihr Charakter grundlegend. Pathos, Durchhalteparolen und plumpe Propaganda waren vorbei. Obwohl sie jetzt klarerweise alliierten Interessen diente und dramatische Ereignisse sich in den letzten Kriegstagen nur so häuften, sind ihre Artikel von Anfang an sachlich und differenziert und keineswegs bloß eine Fortführung des alten Stils unter geänderten Vorzeichen.

Bereits die dritte Nummer vom 3. Mai 1945 vermeldete den (damals noch ungeklärten) Tod Hitlers und die Hinrichtung Mussolinis. Man kann sich leicht die prahlerische und höhnische Sprache vorstellen, in der die nationalsozialistische Presse den Tod ihrer wichtigsten Feinde, Stalins oder Churchills etwa, kommentiert hätte. Zum Tod Roosevelts im Februar 1945 hatte sie gerade erst eine Kostprobe davon gegeben. Ganz anders aber das "Alliierte Nachrichtenblatt": Ohne eine Spur von Triumphgefühl geben die Nachrufe auf der Titelseite einen nüchternen Rückblick auf den Werdegang der beiden gescheiterten Diktatoren. Sie analysieren das Geschehene und ziehen ein sachliches Fazit - auch über das Versagen der "Kulturvölker der Erde", die aus "Mangel an Vorstellungskraft" viel zu spät gegen die Verbrechen der totalitären Regimes vorgegangen seien.

Mit den beiden Artikeln gab die amerikanische Besatzungsmacht den deutschen Zeitungslesern ein lange nicht mehr gekanntes Beispiel an Qualität und kritischer Objektivität des Journalismus. Ihre Analyse hat auch heute noch ohne Einschränkung Bestand.

Wir zeigen Nummer 3 der "Frankfurter Presse" anlässlich des 70sten Jahrestages des Kriegsendes.


Juni 2015


Polizeihelm, um 1910

Dank einer Schenkung von den Erben des langjährigen Diezer Polizisten Wilhelm Sommer (1877-1972) ist die Museumssammlung um einige interessante Objekte reicher. Neben dem Sommerschen Familienbuch und einem Emailschild mit der Aufschrift "Polizeisergeant" handelt es sich um einen "Helm mit Spitze" der preußischen Polizei, bekannter als "Pickelhaube".

Die Pickelhaube ist vor allem als Militärhelm bekannt. Sie wurde ab 1843 in der preußischen Armee verwendet und besteht meist aus dickem Leder mit Metallbeschlägen. Der namensgebende, mehr oder weniger spitze Messing- oder Stahlaufsatz in der Helmmitte hatte die Aufgabe, von oben kommende Säbel- und sonstige Blankwaffenstreiche nach der Seite abzulenken. Dadurch verlor ein Schlag seine gefährliche Wucht. Traf aber ein seitlicher Schlag die Spitze, dann drohte der Helm zu verrutschen oder gar vom Kopf zu fallen, wenn er nicht durch den fest geschlossenen Kinnriemen gesichert war. Kaum weniger auffällig als die Spitze ist das große, bronzierte Adlerrelief auf der Stirnseite. Als Hoheitszeichen wies es den Helmträger als Mitglied der preußischen Polizei (bzw. des Militärs) aus, zugleich panzerte es die Stirngegend. Die hoheitliche Bedeutung schützte es nicht davor, im Volksmund despektierlich als "Schwungrad" bezeichnet zu werden.  
Der Träger des Helms, Wilhelm Sommer, genannt "Hanjer", gehörte vor und nach dem Ersten Weltkrieg zur Preußischen Polizei in Diez, zuletzt als Hauptwachtmeister. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte er, nachdem er in der französischen Besatzungszeit einen der Vergewaltigung überführten Besatzungssoldaten bei einer Auseinandersetzung getötet hatte und im nachfolgenden Gerichtsverfahren freigesprochen wurde.
Wilhelm Sommer lebte 95 Jahre in Diez und ist einigen Älteren sicherlich noch als Diezer Original in Erinnerung.



September 2015


Poesiealbum des Architekten C.C.W. Sckell, 1773

Die vor wenigen Tagen angenommene Schenkung eines in Diez aufgefundenen, prächtigen Poesiealbums der Rokokozeit gibt vorläufig noch einige Rätsel auf, die wir hoffen, bald, vielleicht mit Hilfe der Leser,  klären zu können.
Es geht um ein querformatiges Buch mit 450 nummerierten Seiten und einem kurzen Verzeichnis der Einträge. In Lederdecken mit vergoldeten Ornamenten eingebunden, trägt es auf der Einbandmitte die Initialen C.C.W.S. Nach einem wild marmorierten Vorsatz und einem leeren Zwischenblatt folgt ein reich bemaltes Deckblatt, das Auskunft über den Eigentümer gibt. Inmitten eines barocken Schlossaales sieht man darauf Pallas Athene als Schirmherrin der Künste und Wissenschaften, umgeben von Winkel, Zirkel, Maßstab, Bücher, Palette und Globus als Symbolen für ihre Fachdisziplinen. Mit der rechten Hand weist sie auf eine von einem üppigen Zierrahmen ("Kartusche") umgebene Schrifttafel. Deren Inschrift lautet: "Dem Schätzbaren Andencken Seiner hoch und werthgeschätzten Gönner und Freunden weyhet diese Blätter C.C.W. Sckell, der Baukunst und Matem. Befl. aus Dillenburg - Gießen 1773".
Es ist anzunehmen, dass C.C.W. Sckell Mitglied der großen Sckell-Familie war, die über Jahrhunderte hinweg eine ganze Reihe von einflussreichen Architekten und Gartenarchitekten hervorgebracht hat, darunter Clarus Friedrich Ludwig Sckell (1750-1823), den Architekten u.a. des Englischen Gartens in München und des Oraniensteiner Schlossgartens. Der Jahreszahl des Albums zufolge war er ein Zeitgenosse des noch rätselhaften C.C.W.
Die Seiten des Buchblocks enthalten in lockerer Folge die in Poesiealben üblichen tugendsamen Mahnungen, Reime und Abschiedsgrüße in deutscher, lateinischer und französischer Sprache, abgefasst zumeist in Gießen von Professoren und Studenten. Daraus wird deutlich, dass Sckell in den Jahren um 1773 Student war.


März 2016


"Lichtra" - ein elektrifiziertes Wissensspiel, um 1930

Nach 1900 begann die Elektrizität, immer weitere Gebiete des Alltaglebens zu erobern. Auch in die Welt der Kinder- und Gesellschaftsspiele hielt sie bald Einzug. Zu den frühen Beispielen dafür gehört ein 1910 der Öffentlichkeit vorgestelltes, über viele Jahre hinweg erfolgreiches Wissensspiel mit dem Namen Lichtra.
Es besteht aus einer Klappschachtel, auf dessen Einlegeplatte eine kleine Glühlampe und 40 wie Druckknöpfe aussehende elektrische Kontakte montiert sind. Dazu gehören zwei Kabel mit Steckern und mehrere Serien von starken, in der Anordnung der Kontaktknöpfe gelochten Blättern zum Auflegen. Auf der linken Seite der Blätter steht bei jedem Loch eine Frage und irgendwo auf der rechten die passende Antwort. Zum Überprüfen der Zusammengehörigkeit müssen die Kontakte von Frage und Antwort gleichzeitig mit den Steckern berührt werden. Stimmt die Antwort, dann schließt sich ein Stromkreis von der Batterie zur Lampe und diese leuchtet auf.
In Bezug auf die Inhalte der Fragen und auf die Verwendung eines elektrischen Stromkreises ist Lichtra ein rationales und modernes Spiel. Aber die elektrischen Leitungen sind versteckt, so dass unbefangene Spieler mehr dahinter vermuten könnten als eine einfache Drahtverbindung. Dementsprechend wird es auf dem Deckelbild mithilfe stereotyper Orientmotive als Zauberei präsentiert: Im Hintergrund sieht man Türme mit Zwiebeldächern und eine Moschee, vorn einen Stein mit unleserlichen Schriftzeichen und einen weißbärtigen Derwisch der mit einer Armbewegung aus großer Ferne eine Lampe hervorzaubert. Es sind damals gängige Vorstellungen vom märchenhaften, fremden Orient, die dazu herhalten mussten, Lichtra als Zauberspiel zu inszenieren.
Das Spiel ist eine kürzlich erworbene Schenkung. Wie einige weitere Gegenstände stammt es aus dem Haushalt der Freiendiezer Lehrerfamilie Mohr. Wir zeigen es als kleine Vorschau auf das Thema der Herbstausstellung: "Elektrifizierung in Diez".




Mai 2016


Nägel aus Stuckaturen im Schloss Oranienstein

Wer sich barocke Stuckarbeiten im Schloss Oranienstein oder andernorts anschaut, kann nur die kunstvoll geformten, manchmal bemalten oder vergoldeten Oberflächen wahrnehmen. Hier ragen Arme, Beine, üppige Brüste, Blumen und Ziergebilde oft sehr plastisch aus der Fläche heraus und ergeben den für die Kunst dieser Zeit so typischen Eindruck von Bewegtheit und Schwung. Die darunter liegenden Hilfskonstruktionen und Armierungen aus Materialien, wie  Holz, Schilfrohr, Stroh, Leinen oder Eisen, aber bleiben unsichtbar. Sie dienen nur als Unterbau zum Auftragen des Stuckmörtels oder als Anbindung für an Wänden oder Decken zu befestigende, vorgefertigte Teile. Durch die Kombination der unterschiedlichen Materialien reagieren Stuckarbeiten  empfindlich auf Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und Gebäudebewegungen. Risse und Fehlstellen sind die Folge, Restaurierungen werden notwendig.
Bei Restaurierungsmaßnahmen an Stuckaturen im Schloss Oranienstein wurde in den späten 1970er Jahren ein Teil der originalen Materialien ersetzt. Zum anfallenden Bauschutt gehörten geschmiedete  Eisennägel aus der Zeit nach 1700, die schon für sich genommen interessante Objekte sind. Bei Längen zwischen 9 und 14 cm ist jedes Exemplar ein Unikat, zu dessen Herstellung einiges an körperlicher Arbeit und Geschick nötig war.
65 Stück dieser Nägel nahm der ehemalige Presseoffizier in Oranienstein, Eugen Klein, damals mit nach Hause. Seine Witwe Helga Klein hat sie kürzlich freundlicherweise dem Museum überlassen.
Das Museum im Grafenschloss zeigt die Nägel als Objekt des Monats, auch im Zusammenhang mit seinem Angebot am Internationalen Museumstag, Sonntag, dem 22. Mai. An diesem Tag  werden Ricarda und Tilman Holly, Restauratoren und Partner der Diezer Museen, ab 14.00 Uhr Schadensbefunde und Restaurierungsmaßnahmen an beschädigten Kunstwerken demonstrieren.


Juni 2016


Modellkommode mit drei Schubladen, Mitte 18. Jahrhundert

Das Magazin des Museums beherbergt u.a. eine Sammlung von Kinderspielsachen, zu der Puppenstuben, Kaufmannsläden und ähnliche Dinge gehören. Diesem Sammlungsteil wurde bisher auch eine nur 22 cm hohe Kommode mit drei Schubladen im Stil des späten Barock zugewiesen. Tatsächlich lässt das Miniaturformat auf den ersten Blick an ein Spielzeug denken.

Bei näherem Hinsehen aber fällt auf, dass die Kommode trotz ihrer winzigen Größe nicht etwa in vereinfachter Form, sondern auf genau die gleiche Art konstruiert wurde, wie ein Exemplar der Barock- / Rokokozeit in voller Größe. Sie besteht aus mehreren Schichten von Blindholz, worauf als sichtbare Oberfläche ausgesuchte, gesägte Furnierblätter aus Nussbaumwurzelholz in gespiegelter und gekreuzter Anordnung ("Kreuzfuge") aufgeleimt wurden. Die geschwungenen Kanten der Deckplatte und die Fronten der mit Schwalbenschwanzzinken verbundenen Schubladen bestehen aus passend ausgewählten, angesetzten Vollholzprofilen. Auch die asymmetrischen Bronzebeschläge mit Ringen zum Herausziehen der Schubladen entsprechen den Vorbildern großer Möbelstücke, sind aber nicht allzu detailliert ausgearbeitet.
 
Insgesamt wird deutlich, dass diese Kommode auf eine selbst für gute Puppenstuben viel zu aufwändige Art angefertigt wurde. Vor allem die auf Belastbarkeit und das Vermeiden von Rissbildung angelegten Konstruktionsdetails wären für das kleine Format nicht nötig gewesen. Es kann sich daher nur um ein Modellmöbel handeln, das dazu diente, Machart und Typus einer Kommode in Normalformat zu zeigen. Möglicherweise war es auch eine Vorstufe zu einem Meisterstück. Leider sind zu Herkunft und Funktion dieses Exemplars keine Informationen überliefert

Kriegsrezepte